Dossier

Luftangriff in Afghanistan NATO um Schadensbegrenzung bemüht

Zwei Tanklastwagen sind nach deutscher Anforderung in Afghanistan bombardiert worden. In der NATO hat der Vorfall für Erschütterung gesorgt - vor allem für politische.

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Begründet wurde die Bombardierung mit der Bedrohung, die von den Taliban nach der Entführung der Lastzüge ausging.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Schadensbegrenzung ist angesagt, politisch und militärisch. Es geht um den Umgang zwischen Verbündeten, es geht aber auch um das Wiederaufflammen einer öffentlichen Diskussion über den Abzug aus Afghanistan.

Dass der deutsche Bundeswehroberst richtig handelte, als er die Bombardierung auf zwei im Flussbett des Kundus steckende und von vielen Menschen umgebene Tanklastzüge befahl, wird hinter vorgehaltener Hand von manchen NATO-Diplomaten und -Militärs in Brüssel durchaus bezweifelt. Doch werden solche Bedenken immer mit dem Hinweis verbunden, das Ergebnis der angeordneten Untersuchung müsse abgewartet werden. Ohne genaue Kenntnis aller Fakten seien Mutmaßungen über die Frage, ob eine "unmittelbare Bedrohung" bestanden habe, wenig sinnvoll.

Massive Kritik

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Oberst Klein gab den Feuerbefehl.

(Foto: dpa)

Unmittelbar nach der Bombardierung war von Zurückhaltung wenig zu spüren. US-General Stanley McChrystal, Oberbefehlshaber der Afghanistan-Schutztruppe ISAF, ließ einen amerikanischen Reporter an den ersten Ermittlungen im deutschen Feldlager teilnehmen und darüber berichten. Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner wusste am Rande eines EU-Außenministertreffens in Stockholm, die Bombardierung sei ein "großer Fehler" gewesen und riet für den Umgang mit den Afghanen: "Wir müssen mit ihnen zusammenarbeiten statt sie zu bombardieren." Ähnlich äußerten sich auch seine Kollegen Carl Bildt (Schweden) und Jean Asselborn (Luxemburg). Und Spaniens Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero befand, die Bombardierung sei "nicht hinnehmbar".

Seither hat Bundeskanzlerin Angela Merkel sich "Vorverurteilungen" durch andere verbeten, seither ließ McChrystal wissen, die Untersuchung des Vorfalls werde noch eine ganze Weile dauern. Kouchner teilte mit, er habe eigentlich nur sagen wollen, dass Aufklärung nötig sei. Und der stellvertretende NATO-Botschafter der USA, John Heffern, formulierte: "Wir können die konkreten Ereignisse in Kundus nicht kommentieren, aber das deutsche Militär hat immer wieder Engagement und Professionalität in Afghanistan gezeigt." So versucht das Bündnis, die Reihen wieder zu schließen.

Das Bombardement der Tankwagen ist unabhängig von der Frage nach Zahl und Rolle der Opfer aus mehreren Gründen für die NATO misslich. Für General McChrystal deswegen, weil er erst am 26. August neue Verhaltensregeln für die Bekämpfung von Aufständischen erlassen hatte. Zentrale Botschaft: "Wir sind hier zum Schutz der Menschen. Wir sind hier Gäste." Die 65.000 Mann starke ISAF müsse die Herzen der Zivilbevölkerung gewinnen, wenn sie die radikalislamischen Taliban wirklich besiegen wolle. Vor diesem Hintergrund, so sagen NATO-Diplomaten, müsse das brüske Betragen des Generals nach der Bombardierung gesehen werden.

Diskussion über Abzug neu entflammt

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Verteidigungsminister Jung geriet wegen mangelhafter Informationspolitik in die Kritik.

(Foto: dpa)

Zum anderen ist mit dem Zwischenfall eine neue Diskussion über den Abzug aus Afghanistan eröffnet worden. "Ich bin nicht für einen Zeitplan für den Abzug", wehrt NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen ab. Er räumt aber ein: "Wir müssen den Afghanen und unseren eigenen Bürgern zeigen, dass wir etwas erreichen. Wir müssen mehr Fortschritte machen und diese besser zeigen." Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier redet von einem "Fahrplan, wie lange deutsche und andere Soldaten in Afghanistan sein müssen". Öffentlich könne darüber nicht debattiert werden, um die Taliban nicht zum Ausharren zu ermutigen. Merkel spricht nun von einer "Übergabestrategie" und von "substanziellen Schritten", die in den kommenden fünf Jahren erreicht werden müssten.

Bisher haben die Verbündeten jedoch wichtige Voraussetzungen dafür, dass die Afghanen selbst für ihre Sicherheit sorgen können und damit den NATO-Abzug ermöglichen, noch nicht geschaffen. Von 400 Polizeiausbildern, die die EU schicken wollte, sind nur 265 tatsächlich angekommen. Und von 67 benötigten Ausbildungsteams für die afghanische Armee hat die NATO bisher nur 57 auf die Beine gestellt.

Quelle: ntv.de, Dieter Ebeling, dpa

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