Dossier

Angriff auf Berlusconi Nicht alle sind schockiert

Zwar verurteilen alle die Gewalt, mit der Berlusconi angegriffen wurde. Doch nicht alle haben Mitleid. Oppositionspolitiker meinen, er habe selbst Anteil an dem vergifteten Klima.

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Silvio Berlusconi wird nach dem Angriff sofort von Leibwächtern abgeschirmt und in seinen Wagen gebracht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein blutüberströmtes Gesicht mit geschwollener Lippe, lädierter Nase und Augen, die empört zu fragen scheinen: "Wer ist denn so gegen mich?" Das Bild von dem, was ein seelisch labiler Mailänder aus ihm gemacht hatte, musste sich Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi am Morgen danach als erstes ansehen - der 73-Jährige verlangte nach einer Nacht mit starkem Kopfschmerz im Mailänder Krankenhaus San Raffaele sofort nach den Zeitungen. Was Berlusconi widerfahren war, als er nach einer Wahlveranstaltung auf dem Vorplatz des prächtigen Mailänder Doms in seinen Wagen steigen wollte, das war aber bereits Minuten nach dem tätlichen Angriff auf den umstrittenen Medienzar und Milliardär rund um die Welt gegangen.

Italien ist im Schock und erinnert sich an brachiale links- wie rechtsextreme Gewalt in früheren bleiernen Jahren. Berlusconi konnte bei seiner Lektüre am Krankenbett im siebten Stock des Hospitals San Raffale so auch zur Kenntnis nehmen, dass alle Zeitungen flammende Appelle gegen die Gewalt in Politik und Gesellschaft auf den Titel gehoben hatten - aber auch auf das vergiftete politische Klima im Stiefelstaat eingingen. Und zu dem hat Berlusconi mit harten und mitunter herabwürdigenden Seitenhieben auf den politischen Gegner sehr wohl beigetragen. Doch schreibt selbst "La Repubblica", die Speerspitze im dem Kampf gegen Berlusconi: "Diese Ladung der Gewalt, die aus den Bildern spricht, erreicht uns alle."

Selbst zum vergifteten Klima beigetragen

Der Frontalkrieg mit einem Mann, der das Parlament gern links liegen lässt und eine absolutistische Politik zu lieben scheint, war aber auch in dieser dunklen Stunde nicht ganz eingestellt. Zwar gab es von der linken Opposition einen Chor der Entrüstung, doch nicht alle stimmten harmonisch mit ein. Weniger schockiert zeigten sich zwei der schärfsten Berlusconi-Gegner: "Ich bedauere die Gewalt, aber er hat ein Klima des Hasses geschaffen", so meinte Antonio Di Pietro von der Anti-Korruptions-Partei Idv (Italien der Werte) über einen konservativen Regierungschef, der sich dieser Tage erneut vor Gerichten wegen Bestechung zu verantworten hat.

"Er kann sich jetzt aber nicht als Opfer fühlen", schlug Rosy Bindi von der größten Oppositionspartei PD (Demokratische Partei) ähnlich wuchtig in dieselbe Kerbe: "Wir sind mit dem Premier zwar solidarisch, aber unter denen, die dieses Klima aufgebaut haben, ist auch Berlusconi." Rosy Bindi war es, die in einer jener drastischen Äußerungen des Frauen-Liebhabers und Lebemanns als "eher schön denn intelligent" beleidigt worden war. So etwas vergiftet auch. Also muss der sehr geschätzte Staatspräsident Giorgio Napolitano als Mann des Ausgleichs einmal mehr die Wogen zu glätten versuchen: "Die Politik muss wieder in die Grenzen des zivilen Anstands verwiesen werden."

Krise bekommt neuen Akzent

Wenn im Internet auch klammheimliche Freude über die Gewalt von Mailand aufkommt und der seelisch labile Täter zum "Mann des Jahres" erkoren wird, dann kann Berlusconi von seinen Mannen umso leichter als Opfer des Hasses beschrieben werden: Der Mailänder Massimo Tartaglia habe im Internet bereits einen Fan-Club, dem bald 20.000 Mitglieder beigetreten sein dürften, schätzt "La Repubblica". Solche "Politik" im Internet-Zeitalter macht es einer ernsthaften Opposition nicht leichter, gegen den Cavaliere zu punkten - und es gibt nach Ansicht von Beobachtern jenen gute Karten in die Hand, die daraus politisches Kapital für den durch Affären bedrängten Silvio Berlusconi schlagen möchten.

Drei Monate vor Regionalwahlen hat die Krise um Berlusconi in Italien somit überraschend einen neuen Akzent bekommen - an dem Tag, an dem der Regierungschef in Mailand einen Befreiungsschlag einleiten und die Mobilisierung der Wähler antreiben wollte. Es wurde aber ein Tag, an dem der Mann mit dem Medienimperium nicht nur große Schmerzen zu ertragen hatte. Er musste auch mit ansehen, wie sein blutendes und verzerrtes Gesicht weltweit einen gezeichneten Berlusconi zeigte - zu seinem politischen Nachteil dürfte all das allerdings wohl kaum sein.

Quelle: ntv.de, Hanns-Jochen Kaffsack, dpa