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"Heilsamer Schock" PISA-Studie wird zehn Jahre alt

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Etliche Kinder rauften sich während der Lösung der PISA-Fragen die Haare.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Deutschen erleben bei der Vorstellung der Ergebnisse der ersten PISA-Studie einen regelrechten Schock. Das ist nun zehn Jahre her und seitdem hat sich viel geändert. Dennoch gibt es noch längst keinen Grund zur Entwarnung, warnen Experten.

Der PISA-Schock riss die Deutschen jäh aus dem Traum, dass ihre Schulen weltweit an der Spitze stehen. Die internationale PISA-Studie, die am Sonntag vor genau zehn Jahren zum ersten Mal vorgelegt wurde, besagte das Gegenteil: Die deutschen Schüler schnitten im internationalen Vergleich äußerst schlecht ab. Erschütternd war vor allem, wie eng in Deutschland der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg war. Doch der Schock scheint heilsam gewesen zu sein. Viele Experten bescheinigen dem deutschen Schulsystem deutliche Fortschritte in den vergangenen Jahren. Doch Grund zur Entwarnung gibt es deshalb noch lange nicht.

Verantwortlich für die PISA-Studie ist die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Deren Experten testen in den Teilnehmerländern alle drei Jahre die Leistungen 15-Jähriger in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Die vierte und bislang letzte Auflage der Studie erschien im Dezember vergangenen Jahres - und bescheinigte Deutschland, sich innerhalb eines Jahrzehnts deutlich verbessert zu haben. "Deutschland ist von der zweiten in die erste Liga aufgestiegen", lobte damals der Leiter des deutschen OECD-Büros, Heino von Meyer. Doch er mahnte zugleich, von der Champions League sei das Land noch "weit entfernt".

Viel bessere Lesefähigkeiten

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Laut OECD haben sich die Lesefähigkeiten bei Schülern in Deutschland sehr verbessert.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Lesefähigkeiten der deutschen Schüler verbesserten sich laut der Studie spürbar. Allerdings liegt Deutschland beim Lesen noch immer nur im Mittelfeld, in Mathematik und Naturwissenschaften reicht es dagegen für die erweiterte Spitzengruppe. Eine Schwäche des deutschen Schulsystems bleibt trotz Verbesserungen der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg.

Der deutsche PISA-Forscher Eckhard Klieme lobt aber vor allem die Fortschritte. "Der damalige Schock ist heilsam gewesen", sagte Klieme. Deutschland gehöre zu den wenigen Staaten, die sich in den vergangenen zehn Jahren konstant verbessert hätten. Auch bei der sozialen Chancengleichheit liege Deutschland im OECD-Vergleich mittlerweile im Mittelfeld. Allerdings seien die bestehenden sozialen Ungleichheiten nach wie vor nicht zu tolerieren. Deutschland dürfe sich auf den Erfolgen nicht ausruhen, mahnt der deutsche Koordinator der bislang letzten PISA-Studie.

Nicht die richtigen Konsequenzen

Für den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, fällt die Bilanz des vergangenen Jahrzehnts dagegen "durchwachsen" aus. "Positiv war, dass Bildung ein Topthema wurde", sagte Kraus. Allerdings seien die Diskussion teilweise mit "hysterischer Überhitzung" geführt und die Ergebnisse "ideologisch einseitig" interpretiert worden. So sei behauptet worden, PISA habe gezeigt, dass ein Gesamtschulsystem überlegen sei. "PISA gibt das nicht her", zeigt sich Kraus überzeugt.

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Muss es eine neue Schulstruktur geben?

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisiert dagegen, dass nicht die richtigen Lehre aus PISA gezogen wurde. Seit 2001 sei "kein gesundes Bildungssystem entstanden", sagt GEW-Vize Marianne Demmer. Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg sei "immer noch dramatisch hoch". Die Gewerkschaft drängt in diesem Zusammenhang vor allem auf eine neue Schulstruktur. "Es ist doch klar, dass Chancengleichheit nicht zu erreichen ist, wenn kleine Kinder mitten in der Entwicklung auf unterschiedlich anspruchsvolle Schulen verteilt werden", sagt Demmer. "Sinnvoller wäre eine gut ausgestattete Gemeinschaftsschule mit einer modernen Lehr- und Lernkultur, die die Kinder und Jugendlichen individuell fördert."

PISA-Forscher Klieme wiederum hält die Diskussion um Gemeinschaftsschulen gar nicht für entscheidend. "Die Frage nach der Gliederung eines Schulsystems ist nicht zentral", sagt Klieme. Wichtiger sei beispielsweise, wie die Lehrerbildung aussehen solle und wie der Beruf attraktiv gemacht werden könne. Der PISA-Schock mag überwunden sein - doch der Streit um die richtigen Therapien gehen weiter.

Quelle: n-tv.de, Carsten Hauptmeier, AFP

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