Politik
Eine Rückkehr in den Kosovo empfinden die meisten Roma als neue Vertreibung.
Eine Rückkehr in den Kosovo empfinden die meisten Roma als neue Vertreibung.(Foto: UNICEF/Chris Schuepp)
Donnerstag, 08. Juli 2010

Dem Kreislauf entkommen: "Roma droht neue Vertreibung"

In den Zerfallskriegen Jugoslawiens flohen Hunderttausende vor der Gewalt, allein 50.000 Roma kamen aus dem Kosovo nach Deutschland. Rund 12.000 von ihnen sollen laut einem Abkommen der  Bundesregierung mit dem Kosovo in den kommenden Jahren zurückkehren, ob sie wollen oder nicht. Ihr Schicksal beschäftigt den Zentralrat der Sinti und Roma stark, "zumal die Vertreibung aus dem Kosovo unter den Augen von NATO und KFOR stattgefunden hat", betont Herbert Heuß, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Zentralrat, im Gespräch mit n-tv.de. "Das war die letzte ethnische Säuberung in Europa. Im Kosovo haben damals 120.000 Roma gelebt mit einer 600-jährigen Geschichte. Viele von ihnen waren gut etabliert, sie besaßen Geschäfte, waren Journalisten oder Lehrer, und die sind alle weg."

Nur wenige Projekte können Bildung im Kosovo gewährleisten.
Nur wenige Projekte können Bildung im Kosovo gewährleisten.(Foto: Unicef)

n-tv.de: Welche Probleme haben Roma-Kinder in Deutschland?

Herbert Heuß: Die Kinder leiden an dem unsicheren Status der Familien. Über Jahre hinweg wurde die Duldung immer wieder verlängert, aber die Eltern hatten keinen Zugang zum Arbeitsmarkt. In einigen Bundesländern waren die Kinder nicht schulpflichtig, es kam also immer darauf an, dass sich Schulen oder Vereine vor Ort für die Schulbildung der Kinder eingesetzt haben. Durch die Vertreibung waren die Familien zudem höchst traumatisiert und sind es immer noch. Diese Traumatisierung wird durch die drohende Abschiebung, die wieder einer Vertreibung gleichkommt, erneut aktiviert. Für viele dieser Familien ist Deutschland inzwischen ihre Heimat, für die hier geborenen Kinder sowieso.

Warum ist Schulbildung für die Roma-Kinder aus dem Kosovo ein so großes Problem?

Es gibt dort erfolgreiche Schulkarrieren, wo die Familien schon im Kosovo Wert auf eine gute Ausbildung gelegt haben oder wo gezielte Projekte vorhanden sind. Aber es gibt viele Kinder, die im Kosovo zum ärmeren Teil der Bevölkerung gehört haben. Diese oft schulferneren Kinder brauchen immer wieder Unterstützung, damit sie in Deutschland zur Schule gehen und auch Abschlüsse machen. Diese Kinder haben hier in Deutschland erstmals die Chance, über die Ausbildung aus dem Kreislauf aus Armut, Nicht-Bildung und wieder Armut auszubrechen. Die Abschiebung schickt sie in genau diesen Kreislauf zurück.

Nun gibt es aus der Vergangenheit bereits Studien, die genau diese Probleme benennen. Warum ändert sich nichts?

In Deutschland setzen sich zunehmend auch Nachbarn und Freund für die Roma-Familien ein.
In Deutschland setzen sich zunehmend auch Nachbarn und Freund für die Roma-Familien ein.(Foto: UNICEF/Chris Schuepp)

Ich habe keine Antwort darauf. Es liegt an den lokalen Bedingungen. In Frankfurt etwa ziehen die Verwaltung, das Schulamt, der Roma-Verein und die Schulen an einem Strang, da und auch anderswo funktioniert es. Mit koordinierter Arbeit kommen die Roma-Kinder in die Schule, sie werden auf die Schule vorbereitet und dann ganz normal in die Regelschule geschickt. Ich habe inzwischen in der zweiten Generation Väter von Schulanfängern gesehen, die selbst schon hier zur Schule gegangen sind. Die haben selbst gerade so einen Abschluss geschafft, für ihre Kinder wollen sie den Mittelschulabschluss, mindestens. Wo Angebote da sind, werden sie wahrgenommen, erst recht in der zweiten Generation. Mit einem Bildungsabschluss gibt es Zugang zum Arbeitsmarkt und dann stellt sich die Frage der Integration nicht mehr. Wir sehen, dass immer mehr Sinti und Roma Abitur machen und auch studieren, da ist etwas in Gang gekommen.

Inwiefern muss man auch Rassismus gegenüber Roma als Ursache für einige Probleme vermuten?

Wir haben in Deutschland ein hochselektives Schulsystem. Das schiebt alle Kinder, die Probleme machen, auf die Förderschulen ab. Damit sind die Schulkarrieren frühzeitig festgelegt. Das trifft sicher Roma-Kinder, aber es trifft auch andere Kinder aus schlechten Einkommensverhältnissen. Soziologisch könnte man da von strukturellem Rassismus gegenüber ärmeren Familein und Schichten sprechen und natürlich so auch gegenüber Minderheitengruppen, weil ihnen der Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung erschwert wird.

Ist es für sie erschreckend, dass Roma-Kinder tatsächlich auf Grund ihrer Herkunft benachteiligt werden?

Ja, das ist es. Wenn Kinder als Roma oder Sinti identifiziert werden, erleben sie noch immer, dass bei anderen Kindern, Eltern oder Lehrern die Klappe fällt: "Zigeunerkinder, oh, oh". Das ist eine extrem negative Erfahrung für Kinder. Aber es ist nicht mehr die Regel.

5.000 Kinder und Jugendliche stehen jetzt vor der Abschiebung, laut einer Unicef-Studie besuchen drei von vier Roma-Kindern im Kosovo dann gar keine Schule mehr.

Herbert Heuß hat erst kürzlich bei ein Besuch im Kosovo die Chancenlosigkeit der Roma erlebt.
Herbert Heuß hat erst kürzlich bei ein Besuch im Kosovo die Chancenlosigkeit der Roma erlebt.

Deshalb muss das Wohl des Kindes endlich vorrangig behandelt werden. Deutschland hat die Kinderrechtskonvention unterzeichnet und endlich im Mai 2010 den Vorbehalt, der einen Unterschied machte zwischen deutschen und ausländischen Kindern abgeschafft. Und es dient nicht dem Kindeswohl, wenn die Kinder in den Kosovo abgeschoben werden. Wir waren im Mai im Kosovo, die Lage dort ist katastrophal. Rückkehrerprojekte greifen maximal sechs Monate lang – und nicht für alle abgeschobenen Familien, da geht es um Mietzahlungen oder auch um Jobs, aber nicht um den Schulbesuch. Die Kinder sprechen kein Albanisch oder Serbisch, in der Regel nur Deutsch, es gibt keine Sprachkurse und keine Perspektive. Deshalb müssen die Familien hier bleiben, hier müssen die Projekte greifen, genügend gute Modelle gibt es. Dafür setzen sich auch viele Schulen, Gemeinden oder Nachbarn ein. Das ist wirklich neu, dass sich so viele Menschen für diese Familien einsetzen, damit sie bleiben können, und das bestärkt uns in unserer Arbeit.

Mit Herbert Heuß sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de