Dossier

Seltsames Japan Scheidungswelle befürchtet

Viele Japanerinnen haben die Nase voll von ihren Ehemännern. "Ich muss mir nicht alles gefallen lassen", klagt eine Frau in ihren 50ern in der Zeitung "Asahi Shimbun". Die Arbeit sei ihrem Mann immer wichtiger gewesen als die nun rund 20 Jahren währende Ehe. Wenn er nach Hause komme, gehe er wortlos in sein Zimmer. Bisher fehlte der Frau wegen der drohenden finanziellen Engpässe der Mut, an Scheidung zu denken. Dann aber erfuhr sie von einem Gesetz, dass in diesem April in Kraft tritt: Hausfrauen können mit der neuen Regelung bei einer Scheidung bis zu 50 Prozent der Rente ihrer Männer zugesprochen bekommen. Experten befürchten, dass dies zu einer starken Zunahme der Scheidungen bei älteren Ehepaaren führen könnte.

In den ersten Monaten dieses Jahres geht in Japan eine Rekordzahl von mehr als fünf Millionen Arbeitnehmern in den Ruhestand - das sind fünf Prozent der Beschäftigten. Für die Männer dieser Baby-Boom-Generation stand die Firma stets an erster Stelle - weit vor ihren Frauen. Doch nun werden sie ihr bisheriges Quasi-Zuhause, das Büro, aufgeben und zu ihren Frauen "heimkehren".

Nach einer im japanischen Nachrichtenmagazin "Aera" zitierten Umfrage unter Paaren zwischen 40 und 60 Jahren freut sich rund die Hälfte der Männer darauf, nach Eintritt ins Rentnerleben mehr Zeit für die Partnerin zu haben. Bei den Ehefrauen freuen sich dagegen weniger als ein Drittel auf die neue Situation. Während viele der angehenden Rentner gerne mit ihren Frauen Urlaub machen wollen, reisten viele Frauen lieber mit ihren Freundinnen, erklärt Taeko Tsuda, Autorin eines Buches über "Konversationstechnik für eine lange Ehe".

Bisweilen werden japanische Männer im Rentenalter "Sodaigomi" genannt - "Sperrmüll" - weil sie zu nichts Nutze seien und nur im Wege stünden. Andere sprechen von "nure ochiba" - nassen Blättern - wie sie lästig am Besen kleben. Bislang ist die Scheidungsrate in Japan dennoch relativ gering - von Tausend Paare trennen sich etwa zwei. Bis zum Jahr 2002 war die Zahl der Scheidungen zehn Jahre lang auf zuletzt etwa 290.000 gestiegen, in den Folgejahren fiel sie aber deutlich auf 262.000 im Jahr 2005.

Hiromi Ikeuchi, Autorin eines Buchs über Vor- und Nachteile von Scheidungen im mittleren Alter, führt den Rückgang vor allem auf die damals einsetzende Diskussion über eine Änderung des Rentensystems zurück. Viele Frauen, vor allem jene über 50, übten sich seither in Geduld, sagte Ikeuchi der "Japan Times". Von diesem April an können sie nun bei einer Scheidung nicht mehr nur auf eine Basisrente von etwa 66.000 Yen (ca. 420 Euro) im Monat hoffen, sondern bis zur Hälfte der Rente ihres Mannes beanspruchen.

Mancher Ehemann hat inzwischen erkannt, dass er etwas tun muss, um seine Ehe zu retten. Eine neue Gruppe, die sich "Verband der liebenden Ehemänner" nennt, erklärte im vergangenen Jahr den 31. Januar zum Tag, an dem Japans Ehemänner einmal schon "früh" - gegen acht Uhr abends - nach Hause gehen sollen. Die gemeinsame Zeit sollen sie nutzen, um ihren Ehefrauen "Danke" zu sagen für alles, was sie tun.

Zwar ist die Bewegung noch recht klein - nur 251 Männer haben sich in diesem Jahr auf der Internetseite der Gruppe mit Dankes-Botschaften an ihre Frauen an der Aktion beteiligt. Doch für diese Generation von Männern ist dies schon ein beachtlicher Wandel.

(Lars Nicolaysen, dpa)

Quelle: n-tv.de