Dossier

Unabhängigkeit des Kosovos Serbien unter Schock

Bis zuletzt hatten das offizielle Belgrad und die Medien in Serbien noch die Illusion aufrecht erhalten, die Abtrennung des Kosovos verhindern zu können. Eine neue Verfassung wurde eigens dafür geschrieben und der Regierungschef Vojislav Kostunica versuchte mit dem Boykott des UN-Vermittlers die Albaner in dieser Region von einem eigenen Staat abzuhalten. Umso größer der Schock, als der UN-Gesandte Martti Ahtisaari ruhig und bestimmt seine Pläne für die Zukunft dieser Region vortrug. Stundenlang herrschte danach bei fast allen serbischen Spitzenpolitikern Funkstille.

In dem vom früheren finnischen Staatspräsidenten in Belgrad und Pristina überreichten Zukunftsszenario für das Kosovo werden die Reizworte Unabhängigkeit oder Souveränität vermieden. Auch vor Journalisten in Belgrad wollte sich der UN-Gesandte nicht darauf festlegen lassen. Doch selbst dem serbischen Präsidenten Boris Tadic ist nach eigener Darstellung nach dem Studium der Texte klar, dass es für das Kosovo damit klar in Richtung eines eigenen Staates geht. Denn die bisher zu Serbien gehörende Region erhält alle inneren und äußeren Zeichen der Staatsmacht wie Verfassung, Regierung, Nationalhymne und Armee.

Die serbische Minderheit genießt nach diesen Plänen in Zukunft weitgehende Sonderrechte. Dass sie damit auch wirklich geschützt wird, soll ein internationaler Aufseher mit weit reichenden Vollmachten sicherstellen, der von der EU geschickt werden wird. Schließlich soll die NATO durch eine schlagkräftige Truppe ein sicheres Umfeld beim Aufbau des neuen europäischen Staates garantieren.

Doch für Serbien ist das deutlich zu wenig. Denn Belgrad war bisher von seiner Forderung nicht abgerückt, das Kosovo müsse im Staatsverband bleiben. Die führenden Politiker hatten nach eigener Auskunft weder einen "Plan B" mit Varianten noch Forderungen nach großzügigen Entschädigungen beim Verlust der Provinz in der Schublade. Es galt nur das Maximalziel "Kosovo werden wir als das Herz Serbiens niemals hergeben!".

Jetzt droht eine Radikalisierung der innenpolitischen serbischen Szene und im schlimmsten Fall eine neue internationale Isolierung. Denn Kostunica hatte den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu allen Ländern angekündigt, die den sich abzeichnenden unabhängigen Staat Kosovo anerkennen. Daneben will er nach der Parlamentswahl vor zwei Wochen die Regierungsbildung so lange blockieren, bis alle Parteien auf seine harte Linie in Sachen Kosovo eingeschwenkt sind.

Bei den dann notwendigen Neuwahlen dürften die extrem nationalistischen Parteien einschließlich von Kostunicas DSS Stimmen gewinnen, sagen alle einheimischen Wahl-und Meinungsforscher voraus.

(Von Thomas Brey, dpa)

Quelle: n-tv.de