Dossier

Kalter Krieg Showdown auf der Agentenbrücke

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Sicherheitsbeamte in Zivil stehen 1986 bei dem dritten Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke.

(Foto: dpa)

Am 11. Juni 1985 tauschten Ost und West zum zweiten Mal auf der Glienicker Brücke Agenten aus. "Halb besinnungslos vor Glück" mussten die 23 Spione eine Entscheidung treffen.

Es herrscht höchste Anspannung: Auf der Glienicker Brücke stehen sich um 12 Uhr mittags Diplomaten und Geheimdienste aus West und Ost gegenüber. Dazwischen nur eine weiße Linie, die markierte Grenze zwischen West-Berlin und der DDR. Auf beiden Seiten sitzen gefangene Spione in Bussen und wissen nicht, was passieren wird. Ein einziges westliches Fernsehteam darf filmen. Dann geht Richard Burt, damaliger US-Botschafter in Bonn, über die Linie und steigt in einen Bus. Er stellt sich vor und bestellt den gefangenen West-Agenten Grüße von US-Präsident Ronald Reagan. Das verheißt Freiheit. Unbändiger Jubel bricht aus.

"Meine Gedanken waren sofort bei meiner Frau Helma", erzählt Eberhard Fätkenheuer. Jahrgang 1944, aufgewachsen in der DDR, gehört er zu den 23 Agenten westlicher Geheimdienste, die an diesem 11. Juni 1985 an der Grenze zwischen Berlin und Potsdam gegen vier Ost-Agenten übergeben werden. Ein Vierteljahrhundert nach dem größten Agentenaustausch des Kalten Krieges erinnert er sich noch genau: "Ich habe den Unterhändler der DDR, Wolfgang Vogel, direkt nach meiner Frau gefragt." Doch Vogels Antwort wirft ihn um: Helma lebe mit einem anderen Mann zusammen und habe die Scheidung eingereicht.

Osten oder Westen?

Nach sechs Jahren Haft muss Agent "Helmut Prantel" - so sein Deckname - eine Entscheidung treffen. Noch war er nicht über die Grenze. Er könnte bleiben, in der DDR, so wie zwei Mitgefangene an diesem Tag, aus familiären Gründen. Oder er lässt seine Frau zurück, in dem Staat, aus dessen Grenzen er immer ausbrechen wollte. Er spricht mit Botschafter Burt. Möglicherweise könne seine Frau in den Westen nachkommen, wenn sie denn wolle. Was sollte er tun?

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Bis 1989 war die Brücke die Verbindung zwischen West-Berlin und dem damaligen DDR-Bezirk Potsdam.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Fätkenheuer wählt die Freiheit, so wie er sich zehn Jahre zuvor für die Mitarbeit beim US-Geheimdienst entschieden hatte. Gebäude hatte er ausgekundschaftet, Menschen in der Nähe von Militäranlagen befragt. Er war einer unter vielen, die Informationen an den Westen lieferten. Kein Topspion. Einiges spricht dafür, dass an diesem Junitag keine ganz großen Fische getauscht wurden - sonst wären es nicht so viele Agenten gewesen.

Nun, auf der Glienicker Brücke, bleibt Fätkenheuer im Bus sitzen, der ihn über die weiße Linie bringt. Er steigt aus, steigt um in ein westliches Fahrzeug. "Es war ein Ausnahmezustand, totale Reizüberflutung, halb im Traum, halb besinnungslos vor Glück", erinnert er sich heute. "Aber da waren auch Ängste, ich fühlte mich allein in der Gruppe mit meinen Entscheidungen."

Drei Mal wurden Agenten getauscht

Ein Polizeiauto fährt vorneweg in dem Konvoi, der die Westagenten zum Flughafen Tempelhof bringt. Von dort geht es nach Frankfurt am Main und mit dem Bus nach Gießen in ein Auffanglager für Übersiedler. Während der Fahrt hören die ehemaligen Gefangenen im Radio die Nachricht vom spektakulären Agentenaustausch. Wieder klatschen und johlen sie. Nach dem ersten Austausch auf der Glienicker Brücke im Jahr 1962 ist nun auch der zweite Geschichte. Ein dritter sollte noch folgen, im Februar 1986, bevor die Wiedervereinigung der weißen Linie ihre Bedeutung nahm.

Einige Tage bleibt Fätkenheuer in Gießen, seine Daten werden erfasst, er beantragt einen Ausweis. Dann darf er nach West-Berlin, erneut in ein Auffanglager. Und wenige Wochen danach der große Glücksmoment: Helma und der gemeinsame Sohn reisen aus der DDR aus. Seine Frau hat sich für ihn entschieden. Die Familie ist endlich wieder vereint.

Quelle: n-tv.de, Alexander Riedel, dpa

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