Politik
Donnerstag, 16. November 2006

Mülldeponie gesucht: Sofia stinkt zum Himmel

In der bulgarischen Hauptstadt Sofia stinkt es zum Himmel: Schon am Flughafen kann man riechen, dass die Stadt Probleme mit der Entsorgung ihrer Abfälle hat. Ein säuerlicher Gestank von einer unweit der Landebahnen gelegenen Mülldeponie wird vom Wind oft in Richtung Flughafengebäude geweht. Der Mief erreicht auch das Wohnviertel "Druschba" (Freundschaft) am östlichen Stadtrand. Ursache sind mehrere Hunderttausend Ballen mit Müll, die unter freiem Himmel lagern.

Dieser und ein weiterer Lagerplatz für die in weißen Kunststoff gewickelten Müllpakete waren nur als provisorische Lösung der Müll-Krise vom Sommer 2005 gedacht. Damals blockierten Anwohner der einzigen Mülldeponie beim Vorort Suchodol die Zufahrt der Müllwagen. Die Menschen konnten den Gestank vor ihren Haustüren und Fenstern nicht mehr ertragen. Der Stadtverwaltung von Sofia blieb nichts anderes übrig, als den überfüllten Müllplatz zu schließen.

Jetzt sind die neuen Deponien am östlichen Stadtrand nahezu erschöpft. Der Gestank aus den beschädigten Verpackungen verschärft die neue Notlage. Bürgermeister Bojko Borissow drohte, den Müll auf dem Rasen zwischen Präsidialamt und Regierungssitz im Zentrum von Sofia abzustellen, sollte keine Lösung gefunden werden.

Neue Abfallplätze sind stets an den Protesten von Anwohnern gescheitert. Jetzt erwägt der Stadtrat das für die Bürger im Stadtteil Suchodol eigentlich Unvorstellbare: Die alte Deponie könnte neu geöffnet werden. "Ohne den Schutz der Polizei werden sie uns in Suchodol mit Steinen empfangen", fürchtete Borissow, der eine Lösung für die täglich 1.000 Tonnen Müll finden muss.

Jetzt hat sich auch die von den Sozialisten geführte Regierung des Balkanlandes des Problems angenommen. Ministerpräsident Sergej Stanischew fand Platz für die Abfälle der Hauptstadt auf den Deponien der rund 150 Kilometer östlich gelegenen Städte Karlowo und Plowdiw.

Die Entsorgung ihres Abfalls in der mittelbulgarischen Region, die traditionell für Rosen- und Weinanbau sowie thrakische Grabstätten bekannt ist, würde den Sofiotern aber teuer zu stehen kommen. Allein der Abtransport soll mehr als 8 Millionen Lewa (rund 4 Millionen Euro) im Jahr kosten. Hinzu kommt der Preis für die eigentliche Entsorgung, der ebenfalls Millionen ausmacht.

Sofia habe dafür kein Geld, widersprach Bürgermeister Borissow. Die Lösung mit Karlowo und Plowdiw sei nur "palliativ", meinte sein Stellvertreter Milor Michailow, der inzwischen im Streit zurückgetreten ist. Denn dieser vermeintliche Ausweg sei zeitlich befristet und keine Dauerlösung. Gehofft wird auf die Europäische Union, dessen Mitglied Bulgarien zu Beginn nächsten Jahres wird.

Überraschend hatte der Bürgermeister von Sofia mit dem indischen Eigentümer des in kommunistischer Zeit gebauten Hüttenwerkes "Kremikowzi", Pramod Mittal, vereinbart, die Abfälle provisorisch auf diesem Gelände zu lagern. Dort soll am nordöstlichen Stadtrand die erste Müllentsorgungsanlage der bulgarischen Hauptstadt entstehen. Die Freude in Sofia war aber nur kurz. Gleich am nächsten Tag kündigte "Kremikowzi" vorübergehend die Abmachung. Denn nicht weniger als drei Ministerien hatten Einwände formuliert und die örtliche Bevölkerung war auf die Barrikaden gestiegen.

Elena Lalowa, dpa

Quelle: n-tv.de