Dossier

Mohammed brennt nicht mehr Streit um spanische Dorffeste

Jahrelang hatte niemand Anstoß genommen an den Festen, auf denen die Spanier an die Vertreibung der arabischen Herrscher Ende des 15. Jahrhunderts erinnern. Das hat sich jetzt geändert. In einer Zeit, in der ein paar Mohammed-Karikaturen in islamischen Ländern für gewaltsame Proteste sorgen, scheint sich auch in Spanien die Angst vor dem militanten Islamismus auszubreiten.

Für die Spanier hat die Reconquista (Rückeroberung), die 1492 mit der Einnahme von Granada zu Ende ging, noch heute eine Bedeutung. Zahlreiche Dörfer erinnern auf Volksfesten alljährlich daran. Die Bewohner kleiden sich in historische Kostüme, stellen die Schlachten zwischen "moros y cristianos" ("Mauren" und Christen) nach und erfreuen sich mit Tanz und Gesang.

Eine heftige Kontroverse ist nun entbrannt, weil sich das Ritual in manchen Dörfern so verstehen ließ, als machten die Feiernden sich über die Muslime - die Verlierer der Reconquista - lustig. Immerhin war es in einigen Orten in der Region Valencia bis vor kurzem üblich gewesen, eine Puppe des Propheten Mohammed von der Burg zu stürzen, zu verbrennen oder im Kopf der Figur ein Feuerwerk zu entzünden.

"Diese Feste sollten ganz verschwinden", forderte Flix Herrero, Präsident eines Verbandes islamischer Gemeinschaften. "Sie sind schlecht für ein friedliches Zusammenleben und haben im demokratischen Spanien keinen Platz." Dagegen betrachtet die konservative Volkspartei (PP) die Feste als spanisches Kulturgut. Sie rief die Weltkulturorganisation UNESCO dazu auf, die Feiern als ein "Erbe der Menschheit" unter Schutz zu stellen.

Dörfer wie Beneixama oder Bocairent in Ostspanien verzichteten mittlerweile von sich aus bei ihren Festen auf grausige Rituale und lassen keine Mohammed-Puppen mehr anzünden oder in die Luft sprengen. Manche Kommentatoren sahen darin eine "Selbstzensur" und verglichen den Verzicht mit der Absetzung der Mozart-Oper "Idomeneo" in Berlin. In Wirklichkeit vollzogen diese Dörfer jedoch nur etwas nach, was die meisten Orte schon vor Jahrzehnten getan hatten: In weiten Teilen des Landes hatte man schon in den 60er Jahren eine Reihe von archaischen Praktiken ablegt. Dies geschah auf Drängen der katholischen Kirche, die im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils für eine Verständigung mit anderen Religionsgemeinschaften geworben hatte.

"Auch wenn manche Leute im Verzicht auf solche grausigen Praktiken ein Zeichen von Feigheit vor dem Islamismus sehen, halte ich die Entscheidung für richtig", meint der Schriftsteller Vicente Molina Foix. Von einer Abschaffung der Feste will er aber nichts wissen: "Zwar waren die Muslime damals im Mittelalter die Verlierer. Aber das heißt nicht, dass man sich bei den Festen über sie lustig macht. Im Gegenteil: In vielen Dörfern reißen die Bewohner sich darum, sich bei den Feiern als Araber zu verkleiden. Denn deren Kostüme sind mit den bunten Farben, den Turbanen und Krummsäbeln einfach schöner."

Die in Spanien lebenden Muslime sind sich in ihrer Haltung zu den Festen alles andere als einig. Längst nicht alle teilen die Haltung von Herrero, des Imams (Vorbeter) von Mlaga. Der aus Syrien stammende Majed Khadem, Vorsitzender der islamischen Gemeinde von Alicante, meint: "Ich kann bei den Festen nichts Anstößiges entdecken. Sie bedeuten weder einen Angriff auf die Religion noch auf den Propheten. Die Leute wollen einfach nur ihren Spaß haben."

(Hubert Kahl, dpa)

Quelle: n-tv.de