Dossier

Nordkoreas Atomwaffentest Was ist wirklich passiert?

Außer Russland hat bislang niemand die Angaben Nordkoreas bestätigt, wonach das kommunistische Land einen unterirdischen Atomwaffentest unternommen hat. Anlagen zur Erfassung von Erdbeben haben Erschütterungen gemessen, die zu einem kleinen Test passen würden. Aber auch am Tag danach ist nicht klar: Was ist wirklich in dem Berg an der chinesischen Grenze passiert?

Wissenschaftler und Regierungen versuchen herauszufinden, ob ein kleiner atomarer Sprengsatz explodiert, ob der Test einer viel größer angelegten Atombombe misslungen ist oder ob es sich möglicherweise sogar um eine konventionelle, nicht nukleare Explosion gehandelt hat. "Im Moment gibt es überhaupt keine Klarheit", sagt der Physiker Andrew Davies vom Australischen Institut für Strategie und Politik (ASPI) am Dienstag.

Ein US-Regierungsvertreter sagt, die Geheimdienste benötigten mehrere Tage, um herauszufinden, was geschehen sei. Südkorea rechnet mit rund zwei Wochen, bis Klarheit herrscht. Selbst die Organisation zur Überwachung des Vertrags über einen Stopp aller Kernwaffenversuche (CTBTO) in Wien legte sich zunächst nicht fest, ob den nordkoreanischen Angaben Glauben zu schenken ist.

Größe des Sprengsatzes vorerst unklar

Auch die Hinweise auf die Größe des atomaren Sprengsatzes - oder was immer zur Zündung gebracht wurde - sind nicht eindeutig und bedürfen noch einer gründlichen Auswertung.

Russland sprach von einer Sprengkraft, die fünf bis 15 Kilotonnen TNT entspreche. Was die Erdbebenwarten weltweit registriert haben, deutet allerdings auf einen kleineren Umfang hin. Die US-Erdbebenwarte registrierte in der Nacht zum Montag um 03:35 Uhr MESZ eine Erschütterung der Stärke 4,2 im nördlichen Teil Nordkoreas. Ein solches Beben könne durch einen Sprengsatz mit der Explosionskraft von einer Kilotonne TNT ausgelöst worden sein, sagen Seismologen. Südkorea verzeichnete eine Stärke von knapp 3,6, was auf einen noch kleineren Sprengsatz schließen ließe.

Keine seismologische Messung kann belegen, dass ein Beben von einer Atomexplosion ausgelöst wurde. Auch wurde bislang nicht festgestellt, dass Radioaktivität ausgetreten ist.

Hat Nordkorea eine Atomexplosion simuliert?

Könnte Nordkorea also 500 bis 1000 Tonnen TNT gezündet haben, um eine Atomexplosion zu simulieren? Die Antwort ist: Ja. "Tatsächlich würde man mit einer Kilotonne TNT dieselbe Art von Explosion erzeugen wie mit einer Atombombe", sagt Chan Lung Sang, ein Seismologe der Universität Hongkong. Ein solches Kunststück wäre jedoch gar nicht so einfach zu bewerkstelligen und der Nutzen bliebe fraglich.

"Allen Anzeichen nach scheint zu stimmen, was die Nordkoreaner gesagt haben, aber alle halten sich mit einer Stellungnahme zurück, so lange nicht mehr Daten ausgewertet sind", sagt Robert Karniol von "Jane's Defence Weekly", einem Magazin, das auf Waffentechnik spezialisiert ist.

Viel schwieriger ist eine Antwort auf die Frage, ob Nordkorea einen kleinen Sprengsatz gezündet hat oder der Test einer viel größeren Bombe misslungen ist. Selbst aus einem nicht umfassend geglückten Test könnten die nordkoreanischen Wissenschaftler aber viel lernen. Und die politischen Folgen wären nicht einmal dann anders, wenn nur TNT explodiert wäre.

Die Atombombe als Absicherung der kommunistischen Herrschaft

Nordkorea hat ein großes Interesse daran, mit einer Atombombe zu drohen. Für die kommunistische Führung des Landes sei dabei eine Absicherung ihrer Herrschaft wichtiger als die Sicherheit von Land und Volk, sagt Kim Sung Han vom südkoreanischen Institut für Außenpolitik.

Ohne Massenvernichtungswaffen ist das Land zudem nur ein armer Staat zwischen den Wirtschaftsriesen Asiens. Mit einer Atombombe hofft Machthaber Kim Jong Il darauf, mit den Militärmächten der Welt an einem Tisch Platz nehmen zu dürfen.

Damit verärgern die nordkoreanischen Stalinisten zwar überraschend deutlich China, das noch am ehesten als Verbündeter des isolierten Landes gelten kann. Auch zwingen sie Südkorea dazu, seine bisher großzügigen finanziellen Hilfen für den Not leidenden Norden zu überdenken. "Wir müssen aber davon ausgehen, dass sie darauf wetten, dass weder Peking noch Seoul sie hängen lassen -weil die Alternative viel schlimmer ist: ein instabiler und noch unberechenbarerer Norden", sagt Peter Beck von der International Crisis Group. Die nordkoreanische Führung profitiere von der Eskalation. "Die nächste Karte, die sie spielen wird, ist die Drohung mit einem Krieg."

von John Ruwitch und Jon Herskovitz, reuters

Quelle: n-tv.de

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