Politik
Karen Duve mit dem von ihr geretteten Huhn Rudi.
Karen Duve mit dem von ihr geretteten Huhn Rudi.(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 20. Januar 2011

Beim Einkaufen Gehirn einschalten: "Wir wollen es gar nicht wissen"

Hühner in tödlicher Enge, mutterlose Kälber in Einzelhaft und Schweine aneinandergequetscht auf Spaltenböden. So wird das Fleisch produziert, das in unseren Supermärkten liegt. Autorin Karen Duve weiß das schon lange. Schließlich konnte sie nicht mehr so weiteressen wie bisher.

n-tv.de: Was haben Sie denn bisher heute gegessen?

Karen Duve: Heute morgen einen Veggie-Burger einer großen Imbisskette. Da bin ich nicht so stolz drauf, der war auch nicht vegan. Später vegetarisches Sushi und beim Thailänder ein Tofugericht.

Bereitet Ihnen der aktuelle Dioxin-Skandal eigentlich Genugtuung - nicht nur wegen der Verkaufszahlen für Ihr Buch, sondern vor allem wegen Ihrer moralischen Botschaft?

Für "Anständig essen" kaufte Duve zwei Monate lang nur Bio-Lebensmittel, lebte zwei Monate vegetarisch, zwei Monate vegan und zwei Monate fruktarisch.
Für "Anständig essen" kaufte Duve zwei Monate lang nur Bio-Lebensmittel, lebte zwei Monate vegetarisch, zwei Monate vegan und zwei Monate fruktarisch.(Foto: picture alliance / dpa)

Sagen wir so, ich freue mich über jedes Steak und jedes Schnitzel, das ich im vergangenen Jahr nicht gegessen habe. Denn das ist natürlich eine Quittung, über die man sich nicht wundern muss. Wenn man nicht wissen will, wie das, was man isst, hergestellt wird, dann entsteht da eben so ein Dunkelbereich, in dem die Leute schalten und walten können, wie sie wollen. Warum sollten die industriellen Massentierproduzenten, die ihr Geld mit der rücksichtslosen Ausbeutung von Tieren verdienen, dem Verbraucher gegenüber nun plötzlich ihre verantwortungsvolle Seite entdecken?

Sie werden in diesem Jahr 50 und haben sich auch viele Jahre nicht so toll ernährt - ich sage nur Hähnchenpfanne für 2,99 Euro. Tut Ihnen das im Nachhinein leid?

Ich empfinde es als beschämend, dass ich so lange gebraucht habe, bis ich die entsprechenden Konsequenzen gezogen habe. Im Grunde habe ich ja schon seit Jahren gewusst, dass in der Massentierhaltung einiges im Argen liegt. Das wissen wir doch alle.

Fällt Ihnen der Verzicht schwer?

Ich esse immer noch gerne Fleisch, ich tue es bloß nicht. Manchmal habe ich Appetit auf die Frikadellen meiner Mutter, oder ich gehe an einem Imbiss vorbei und finde, dass es sehr lecker riecht. Aber wenn ich dann einen Augenblick darüber nachdenke, warum ich das nicht mehr esse, dann will ich auch nicht mehr. Ich finde, dass unsere Lebensmittel ein wichtiges Produkt sind, das Liebe und Respekt verdient. Wenn man das, was man isst, mehr respektiert, respektiert man auch sich selbst mehr. Ob ein Essen Qualität hat, hängt ja nicht nur damit zusammen, dass es gut zubereitet ist. Da sollten auch keine Fremdstoffe und Gifte enthalten sein, die man vielleicht gar nicht schmeckt. Und es gehört auch eine ethische Qualität dazu. Ein Nahrungsmittel, das durch Tierquälerei hergestellt worden ist, ist kein Qualitätsprodukt - völlig egal, wie gut es zubereitet worden ist. Es ist einfach eine grundsätzliche Entscheidung, wie viel Aufmerksamkeit ich meinem und dem Essen meiner Familie widme.

Genauso wie Tierquälerei ein Ausschlusskriterium sein kann, könnten es natürlich auch die Auswirkungen auf das Klima sein. Gibt es überhaupt Konsum, der prinzipiell moralisch in Ordnung ist?

Ich habe auch manchmal das Gefühl, dass ich nur die Wahl zwischen Pest und Cholera habe. Aber auch wenn man es nicht ganz und gar gut machen kann, kann man doch zumindest versuchen, es besser zu machen. Von allem etwas weniger wäre schon mal kein schlechter Ansatz. Und natürlich ist es kein Freifahrtschein, wenn ein Produkt vegan ist. Es sollte natürlich auch nicht mit Kinderarbeit hergestellt worden sein. Und außer den ethischen Maßstäben gibt es noch ökologische.

Inwiefern gibt es denn zwischen diesen verschiedenen Maßstäben für Sie einen Zusammenhang?

Inzwischen ernährt sie sich überwiegend vegan, aber auf jeden Fall ohne Fleisch, und verzichtet auf Lederprodukte.
Inzwischen ernährt sie sich überwiegend vegan, aber auf jeden Fall ohne Fleisch, und verzichtet auf Lederprodukte.(Foto: picture alliance / dpa)

Man muss sich ja nur ansehen, wie Regenwälder niedergebrannt werden, um Soja als Futter für die Masttiere in Europa zu produzieren. Bei Fleisch isst man etwa die siebenfache Sojamenge mit, die man essen würde, wenn man gleich Tofuschnitzel isst. Wenn ich also Fleisch esse, hat das nicht nur Konsequenzen für das Tier, das gegessen wird, sondern auch für die Umwelt und für das Klima - und nicht zuletzt auch für mich. Und wenn ich deswegen krank werde, belastet das natürlich auch noch unser Gesundheitssystem. Von welcher Seite man es auch betrachtet: Fleisch essen ist immer richtig schlecht.

Ihr Buch heißt "Anständig essen". Es ist noch nicht so lange her, da bedeutete anständig essen ordentlich was auf den Teller. Ist es Zeit für einen Abschied davon?

Ja, aber vor allem ist es Zeit für die Erkenntnis, dass Fleisch ein Luxusprodukt ist, das sehr aufwändig hergestellt wird. Das gibt es erst seit wenigen Jahrzehnten, dass wir jeden Tag morgens, mittags und abends Fleisch und Wurst auf dem Tisch haben. Noch in den 1950er Jahren haben es Ernährungswissenschaftler für ausgeschlossen gehalten, dass Fleisch jemals ein Massenprodukt werden könnte. Dass es trotzdem so gekommen ist, ist nur mit dem Ausmaß an Rücksichtslosigkeit, Verantwortungslosigkeit und Grausamkeit zu erklären, mit der wir da zu Werke gegangen sind.

Mich hat ziemlich schockiert, dass Sie Ihr Huhn Rudi aus einer Bio-Haltung retten mussten, weil es da offenbar auch nicht wirklich schön war.

Ja, wobei ich trotzdem sagen muss, dass es den Bio-Hühnern immer noch deutlich besser geht, als den anderen Hühnern. Die haben doppelt so viel Platz, die haben tagsüber Auslauf. Aber ein Huhn eignet sich einfach nicht für die Massentierhaltung. Es ist für das Tier eine Qual. Ob konventionell oder bio - sie reißen sich die Federn aus und über zehn Prozent sterben. Das ist viel, besonders, wenn man bedenkt, dass diese Hühner sowieso nur ein Jahr leben dürfen.

Die Lebensmittelbranche verkauft uns ja immer noch die Idylle von Land mit ein paar glücklichen Hühnern auf einem Hof. Warum fallen wir darauf herein?

Weil die Betrogenen mit den Betrügern gemeinsame Sache machen. Wir wollen gar nicht so genau wissen, wie die Tiere gehalten und geschlachtet werden. Sonst könnten wir es womöglich nicht mehr mit unserem Gewissen vereinbaren, Fleisch zu essen. Und Lösungsmöglichkeiten, die Verzicht beinhalten, sind nun einmal unbeliebt. Selbst wenn es - wie jetzt beim Dioxin - um unsere eigene Gesundheit geht, schreien die Leute lieber nach den Politikern, die strengere Gesetze erlassen sollen, als einfach kein Fleisch aus Massentierhaltung mehr zu essen.

Muss man kochen lernen, wenn man anfängt, sich mit seinem Essen zu beschäftigen?

Ja, das hilft. Ich koche nicht besonders gern und würde lieber weiterhin Fertiggerichte kaufen. Aber nun komme ich nicht mehr drum herum, Gemüse zu schnippeln.

Was wünschen Sie sich als Wirkung Ihres Buches? Dass alle Deutschen Veganer werden?

Das fände ich super. Es ist allerdings nicht sehr wahrscheinlich. Ich wäre schon zufrieden, wenn einige Leute dadurch angeregt würden, beim Einkaufen das Gehirn eingeschaltet zu lassen und sich zu fragen, ob sie das eigentlich wirklich wollen, dass Tiere so behandelt werden, wie sie bei uns behandelt werden, damit wir alle billiges Fleisch essen können. Ich bin nämlich fest davon überzeugt, dass die allermeisten das nicht wollen.

Mit Karen Duve sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de