Politik
Sonntag, 09. Juli 2006

"Ein fortwährendes Faszinosum": Zu Wehners 100.

Für viele auch in den eigenen Reihen bleibt er mehr als 15 Jahre nach seinem Tod noch immer ein Geheimnis. Urgestein, Kärrner, Zuchtmeister, Stratege, vulkanischer Vollblut-Politiker mit vielen Wandlungen – so lauten die gängigen Etikettierungen für den legendären SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner, der vor 100 Jahren (11. Juli 1906) geboren wurde.

Noch immer wird um die Entschlüsselung seiner vielschichtigen Persönlichkeit gerungen. "Die Wehner-Forschung steht erst am Anfang. Sobald der Nachlass von Herbert Wehner, Willy Brandt und anderen vollständig freigegeben ist, werden wir ein Wehner-Bild gewinnen, das sich von dem, was wir heute besitzen, wesentlich unterscheiden wird", sagt der Zeitgeschichtler Rudolf Morsey voraus.

Die vielen Brüche in Wehners Leben sorgen bis heute in der Zunft regelmäßig für scharfe Kontroversen. Mit zwei "Enthüllungsbüchern" versuchte der Hamburger Historiker Reinhard Müller in den letzten Jahren zu belegen, dass Wehner in Moskau in den 30er Jahren andere Kommunisten ans Messer geliefert habe. Für den Historiker und Wehner-Biografen Hartmut Soell ist dieser Nachweis bis heute nicht erbracht – auch wenn es unbestreitbar sei, dass es enorme Konzessionen Wehners an das stalinistische Regime gegeben habe.

Markus Wolf, der einstige DDR-Spionagechef, setzte 1997 in seinen Memoiren die Version in Umlauf, Wehner habe im Zuge seiner deutschlandpolitischen Aktivitäten bei Erich Honecker gegen Kanzler Brandt intrigiert. Gegen diesen Verratsvorwurf nahm selbst Egon Bahr, Brandts engster Mitarbeiter und ausgewiesener Wehner-Gegner, den toten Fraktionschef in Schutz: "Er hat mit der anderen Seite gearbeitet, nicht für die andere Seite." Das Bild vom Brandt-Gegner Wehner, der mit seinem alten kommunistischen Weggefährten Honecker konspiriert und beim Sturz des SPD-Kanzlers Fäden gezogen habe, pflegt bis heute die Witwe Brigitte Seebacher-Brandt, auch eine gelernte Historikerin.

"In der öffentlichen Diskussion über Wehner spielen oftmals weniger historische Fakten als persönliche Animositäten eine Rolle", davon ist der Historiker und Wehner-Biograf August Hermann Leugers-Scherzberg fest überzeugt. Doch auch persönliche Weggefährten und Zeitzeugen sind sich in ihrem Urteil nicht einig.

"Wehner, das ist das fortwährende Faszinosum", schrieb ein amerikanischer Biograf. Für Helmut Schmidt, dem letzten Überlebenden der einstigen SPD-Troika, der Wehner an diesem Dienstag in dessen Heimatstadt Dresden ehren wird, steht fest: "Er war einer der ganz Großen." "Er ist der Größte im Lager der Linken", schrieb Heinrich Krone, einer der engsten Vertrauten von CDU-Kanzler Konrad Adenauer, in sein Tagebuch. Selbst Henry Kissinger, der von Brandt und anderen Sozialdemokraten sonst wenig hielt, machte bei Wehner eine Ausnahme: "Sie sind einer der wenigen wahrhaft politischen Köpfe, die ich jemals kennen gelernt habe", schrieb der frühere US-Außenminister an den SPD-Fraktionschef.

"Wehners Bedeutung für die SPD gründet sich vor allem darauf, dass er wie kaum jemand anders im Stande war, über den Tellerrand dieser Partei hinauszublicken", ist Leugers-Scherzberg überzeugt. Und Hans-Jochen Vogel, Wehners direkter Nachfolger als SPD-Fraktionschef, kommt zu folgendem Urteil: "Sein entscheidender Beitrag zur deutschen Nachkriegsgeschichte war, dass er der deutschen Sozialdemokratie mit unerschütterlicher Beharrlichkeit den Weg in die Regierungsverantwortung bahnte. Er bewirkte die endgültige Widerlegung des konservativen Vorurteils, die älteste deutsche Partei sei zur Regierung nicht fähig und tauge allenfalls zur Opposition."

Weniger positiv fällt die Erinnerung anderer früherer SPD-Größen aus. "Wehner war keine Lichtgestalt. Er blieb ein Fundamentalist, obwohl er dem Kommunismus abgeschworen hatte und überzeugter Sozialdemokrat wurde", meint im Rückblick Brandts früherer Kanzleramtschef Horst Ehmke. Egon Bahr nennt Wehner in seinen Erinnerungen eine "einsame Eminenz", der sich als "Machtzentrum" selbst genügt habe.

"Diejenigen, die seinen Überlegungen nicht folgten, hat er niedergemacht und erniedrigt," erinnert sich Annemarie Renger, die Lebensgefährtin des ersten SPD-Nachkriegsvorsitzenden Kurt Schumacher, der Wehner nach seinem Bruch mit dem Kommunismus zur SPD holte. Die damalige Bundestagspräsidentin war dabei, als Wehner im September 1973 von Moskau aus über Kanzler Brandt mit dem Satz "Der Herr badet gerne lau." her zog. Noch immer zeigt sie sich erschüttert: "Mit den Ereignissen von damals bin ich bis heute nicht fertig geworden. Nachdem er diese Worte gesprochen hatte, glaubte ich, die Welt geht unter."

Von Joachim Schucht, dpa

Quelle: n-tv.de