Politik
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Sonntag, 04. Mai 2014

Ukraine braucht Versöhnung statt Hetze: Bitte keine Präsidentin Timoschenko!

Ein Kommentar von Christian Rothenberg

Julia Timoschenko will Präsidentin der Ukraine werden. Im Wahlkampf setzt sie auf scharfe Rhetorik. Nach dem Brand in Odessa verteidigt sie die "friedlichen Demonstranten". Als Staatsoberhaupt wäre Timoschenko daher eine Fehlbesetzung.

Rechtsextreme Minister, zu wenig Sensibilität mit den östlichen Regionen: Man kann den neuen Regierenden in Kiew einiges vorwerfen. Nach dem Brand in Odessa zeigen sie jedoch Fingerspitzengefühl. Präsident Alexander Turtschinow rief angesichts der Toten in dem Gewerkschaftshaus eine Staatstrauer aus. Premier Arseni Jazenjuk warf der eigenen Polizei vor, was Videoaufnahmen belegen - dass sie dem offenbar von proukrainischen Demonstranten verursachten Feuer tatenlos mit zusah. Die Gesten machen das Unglück nicht ungeschehen. Dennoch fallen sie positiv auf im Wust gegenseitiger Schuldzuweisungen.

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Darunter auch die von Julia Timoschenko. Die Zusammenstöße seien von Russland organisiert worden, sagte die frühere Regierungschefin, die am 25. Mai Präsidentin werden will. Timoschenko dankte den "friedlichen Demonstranten", die für die Sicherheit Odessas aufgestanden seien und zum "Schutz administrativer Gebäude" beigetragen hätten. Die bei dem Brand ums Leben gekommenen Menschen gehörten zu jenen Truppen, "die gekommen seien, um Einwohner in Odessa zu töten".

Timoschenkos schnelles Urteil verblüfft: Der Brand war gerade erst gelöscht, da präsentierte sie bereits ihren eigenen Untersuchungsbericht. Mitleid oder Anteilnahme für die Opfer? Fehlanzeige. Auf die in diesem Fall gebotene Zurückhaltung verzichtet Timoschenko und zeigt damit einmal mehr, dass sie als Präsidentin völlig ungeeignet wäre.

Verbranntes Stück Russland

In der Disziplin Taktgefühl beweist sie damit schon zum wiederholten Mal ihre Unfähigkeit. Ende März hatte Timoschenko in einem veröffentlichten Telefonat über Russlands Präsident Wladimir Putin gesagt, sie sei "bereit, eine Maschinenpistole zu nehmen und diesem Dreckskerl eine Kugel in den Kopf zu schießen". Auch kündigte sie an, "die gesamte Welt in Bewegung zu setzten, damit von Russland nicht einmal ein verbranntes Stück Erde bleibt".

Im Prinzip darf Timoschenko natürlich sagen, was sie will. Es gibt genug Anlass, die russische Politik zu kritisieren. Aber wer ukrainische Präsidentin werden will, sollte zurzeit jedes Wort abwägen. Ein Staatsoberhaupt darf nicht zündeln, es muss vermitteln und mäßigen. Das sollte Timoschenko als erfahrene Politikerin wissen. Stattdessen bedient sie die russischen Ressentiments. Ihre Hasstiraden werden die eher Russland zugewandten Bürger mit Sicherheit nicht besänftigen.

Dabei ist die Stimmung schon ohne Timoschenkos Kampfrhetorik aufgeregt genug. Die Einheit der Ukraine steht auf dem Spiel. Umso wichtiger wäre ein Präsident, der im Osten und Westen des Landes gleichsam anerkannt ist. Eine unverbrauchte Person, die die unterschiedlichen Interessen berücksichtigt. Gerade jetzt braucht die Ukraine einen Anführer, der aussöhnt, anstatt weiter zu eskalieren. Nationale Einheit sollte das Ziel sein. Leicht wird das nicht. Aber so viel steht fest: Julia Timoschenko ist dafür nicht die Richtige.

Quelle: n-tv.de