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Michael Wolffsohn zur Documenta Fluch und Segen des Antisemitismus

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Antisemitisches Wimmelbild auf der Documenta. Judenhass ist Judenhass - auch dann, wenn er als "Freiheit der Kunst" oder "Freiheit der Meinung" maskiert wird.

(Foto: picture alliance/dpa)

Was die Macher der Kasseler Documenta nicht verstanden haben: Antisemitismus führt zur Selbstdemontage. Dafür gibt es eine ganze Reihe historische Beispiele, vor allem aus der deutschen Geschichte.

Natürlich ist der Antisemitismus ein Fluch. Was sonst? Der liquidatorische noch mehr als der diskriminatorische, denn selbstverständlich ist Vernichtung schlimmer als Herabwürdigung. Aber auch der diskriminatorische Antisemitismus endet oft nicht bei menschenverachtenden, meist kenntnislosen Meinungen, sondern wirkt seit jeher, historisch fast immer, als Einleitung des liquidatorischen, verbrecherischen, massenmörderischen Judenhasses. In Nazi-Deutschland endete der vordem diskriminatorische Judenhass im sechsmillionenfachen Judenmorden, "Holocaust" genannt.

Kein Wunder, dass Hell-Deutschland Nein sagt zum dunkeldeutschen Erbe in jeder Form . Ohne Danke und unabhängig davon, ob Judenhass, gleich welcher Art, auf heimischem Boden wächst, im Globalen Norden oder Globalen Süden: Judenhass ist Judenhass. Auch dann, wenn er, wie jüngst im Zusammenhang mit der Documenta, als "Freiheit der Kunst" oder "Freiheit der Meinung" maskiert wird.

Antisemitismus beziehungsweise Judenhass ist, wie alle pauschalisierenden, also das Individuum miss- oder verachtenden "Antis", nicht nur menschenverachtend, sondern dumm. Antisemiten schaden letztlich sich selbst und ihrem Gemeinwesen. Sie fügen zwar jüdischen Individuen meist massenweise massiven Schaden einschließlich Massenmord zu. Historisch betrachtet haben sie aber das jüdische Kollektiv in seinem Zusammenhalt und Überlebenswillen gestärkt, und darin liegt, wenn man so will, sein Segen. Dialektik könnte man das nennen. Anders formuliert: Nichts kann ohne das jeweilige Gegenteil verstanden werden.

Vierfacher Neuanfang im Land der Mörder

Konkret: Erst Holocaust, also sechsmillionenfaches Judenmorden, dann jüdische Auferstehung im 1948 gegründeten jüdischen Staat Israel und sogar im "Land der Mörder". Hier viermal: zuerst der jüdische Neuanfang in Westdeutschland, meist durch die wenigen polnischen Überlebenden der NS-Vernichtungshöllen, die in Deutschland gewissermaßen hängenblieben. Dann durch die rund 200.000 Juden, die ab 1990/91 aus der ehemaligen Sowjetunion einwanderten. Drittens seit Mitte der 1990er Jahre etwa 30.000 Israelis, denen ihre Heimat zu hart ist und die deshalb das einst judenblutrünstige und nun superweiche Multikulti-Deutschland lieben. Viertens, 2022, jüdische Flüchtlinge, darunter Holocaust-Überlebende, aus der Ukraine.

Den Schaden an Menschen, Moral und Material, den sich Deutschland durch den Nationalsozialismus selbst zufügte, veranschaulichen nicht nur die Fotos und Filme zerstörter deutscher Städte aus dem Mai 1945. Der selbstverschuldete und langfristige kulturelle, wissenschaftliche und damit auch wirtschaftliche Aderlass hatte bereits 1933 begonnen. Schon unmittelbar nach der NS-Machtergreifung hatte die Vertreibung und Ermordung von Juden begonnen. Ungestraft vertreibt und ermordet eben kein Gemeinwesen seine Funktionseliten, zumal die historisch überall und immer absolut loyalen, friedlichen und das Allgemeinwohl mehrenden Juden.

Die Weltgeschichte lehrt, dass nicht nur für Deutschlands Judenhasser und -mörder gilt: "Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber." Die innovative Wissenschaft und Wirtschaft besonders der USA und Israels profitieren noch heute vom Fundament, das die jüdischen Flüchtlinge aus Hitlers Deutschland dort errichtet haben. Deutschland hat, abgesehen von eingewanderten und wenigen anderen Ausnahmen, wie den Impfstoff-Erfindern Uğur Şahin und Özlem Türeci, bis heute das Nachsehen auf dem Feld bahnbrechender Neuerungen.

Ertragen bringt Ertrag

Zusätzlichen Anschauungsunterricht bieten die mittelalterlichen Judenvertreibungen aus West- und Zentraleuropa, einschließlich Deutschlands im Hochmittelalter. Sie bewirkten Polens Aufstieg zur europäischen Großmacht vom 14. bis zum frühen 18. Jahrhundert. Das modernisierende Wissen und Wollen der jüdischen Flüchtlinge war dabei mitentscheidend. Vor allem aber die Weitsicht des polnischen Königs Kasimir des Großen (1333-1370), der die aus Deutschland und Westeuropa vertriebenen Juden in seine Monarchie einwandern ließ. Jenseits der Moral war diese Weichenstellung für Polen entwicklungspolitisch höchst segensreich.

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Nicht anders handelte der Sultan des Osmanischen Reiches Bayezid II. (1481-1512) nach der Judenvertreibung aus Spanien 1492 und aus Portugal 1497. Die Toleranz, das "Ertragen" der Juden brachte seinem ohnehin schon aufstrebenden Großreich zusätzlichen Ertrag: wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, kulturellen und politischen. Bayezid II. machte sich über die antijüdische Dummheit der spanischen und portugiesischen Könige dankend lustig. Brandenburg verdankt seinen Aufstieg ebenfalls der weitsichtigen Strategie und zumindest funktionalen Toleranz des Großen Kurfürsten. Er nahm 1671 aus Wien vertriebene Juden und ab 1685 aus Frankreich vertriebene Hugenotten auf.

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Fazit: Toleranz lohnt sich, Intoleranz lohnt sich nicht. Mehr noch: Judenhass, die Vertreibung oder gar Verfolgung und Vernichtung dieser loyalen, kreativen und strukturfriedlichen Welt-Minderheit führt auf jeden Fall mittel- und langfristig, manchmal auch kurzfristig zur Selbstdemontage. Immer mehr arabische Staaten haben das Israel gegenüber inzwischen verstanden. Kassel, weite Kreise des deutschen Kulturmilieus und Indonesien hat diese israel- und judenpolitische Botschaft noch nicht erreicht.

Ausführlich untersucht der Historiker Michael Wolffsohn "Fluch und Segen des Antisemitismus" in seinem Buch "Eine andere Jüdische Weltgeschichte", Herder-Verlag 2022

Quelle: ntv.de

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