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Missbrauch an Jesuiten-Schulen Gottes Diener und die Sexualität

Der aktuelle Missbrauchsskandal an Jesuiten-Schulen macht deutlich, dass sich die katholische Kirche dringend mit dem Thema Sexualität beschäftigen muss. Damit rückt nicht zuletzt der Zölibat wieder ins Zentrum der Diskussion.

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Priesteranwärter vor ihrer Weihe durch Papst Benedikt XVI. im Mai 2009.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Der aktuelle Missbrauchsskandal an Jesuiten-Schulen erweist sich als komplexes Phänomen, mit dem umzugehen gar nicht so einfach ist. Da ist zum Einen der pure Tatbestand des Missbrauchs von schutzbefohlenen Minderjährigen, mit Schlägen und sexuellen Übergriffen. Dies sind im juristischen Sinne Straftaten und mehr noch im moralischen Sinn Verbrechen, weil die katholische Kirche die Vorgänge über Jahrzehnte hinweg systematisch vertuscht und verschwiegen hat.

So ist nicht nur die juristische Aufarbeitung verhindert worden. Den Kindern und Jugendlichen, die bereits Opfer geworden sind, wurde noch einmal Gewalt angetan. Und durch das "Weiterreichen" der Täter wurden weitere Schülerinnen und Schüler potenzielle Opfer.

Zölibat als Symptom

Darüber hinaus aber wird deutlich, dass sich die katholische Kirche dringend mit dem Thema Sexualität beschäftigen muss. Als der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch im Februar 2008 neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz wurde, sorgte er für einen Paukenschlag. Im "Spiegel"-Interview nannte er die Ehelosigkeit von Priestern "nicht theologisch notwendig".

Seit dem Zweiten Laterankonzil 1139 ist der Zölibat, also die Ehelosigkeit, Voraussetzung für die Priesterweihe. Kritiker haben immer wieder bemängelt, dass der Zölibat sich nicht zwingend aus der Bibel ableiten lässt, dass es für ihn aber theologische und auch ökonomische Gründe gegeben hat und möglicherweise immer noch gibt. Der Verzicht auf die Ehe soll dem Priester mehr Raum geben für die intensive Gemeindearbeit und die Liebe zu Gott. Und er sollte der Kirche die Versorgung von Erben ersparen.

Neue Sicht zulassen

Genauso gut könnte man heute argumentieren, dass es längst für die Abschaffung des Zölibats gute Gründe gibt. Erwachsene Menschen haben ein Recht auf eine gelebte gesunde Sexualität. Genau dieses Recht aber spricht ihnen der Zölibat ab. Erkenntnisse des Harvard-Psychiaters Martin P. Kafka lassen zudem den Schluss zu, dass viele Priesteramtskandidaten sich zu einem Zeitpunkt für das ehelose Leben entscheiden, an dem sie ihrer eigenen Sexualität noch gar nicht sicher sind. Zur Priesterausbildung müsste also auch das offene Gespräch über sexuelle Bedürfnisse und Liebe gehören. Solange Begehren und das Bedürfnis auch nach körperlicher Liebe als Schwäche verurteilt werden, ist diese Offenheit kaum möglich.

Priester, die im Lauf ihres Berufslebens am Zölibat gescheitert sind, berichten von Einsamkeit, von Depressionen und Suchterkrankungen, die sie in erster Linie auf die erzwungene Ehelosigkeit bei gleichzeitig hohen beruflichen Anforderungen zurückführen. Psychologen verweisen zudem darauf, dass sexuell unreife Menschen stärker gefährdet sind, Missbrauchstäter zu werden, vor allem, weil dieser Reifungsprozess niemals nachgeholt werden kann. Ins Priesterseminar zieht es aber allzu oft jene, die mit ihrer aufkeimenden Sexualität schlecht umgehen können und mit einem zölibatären Leben hoffen, diesen Untiefen ein Leben lang zu entgehen. Ein oft tragischer Irrtum.  

Gute Gründe, starker Widerstand

Pragmatisch gesehen ließe sich wohl auch der zunehmende Priestermangel durchaus mit verheirateten Priestern beheben, so könnten verwaiste Gemeinden wieder seelsorgerisch betreut werden, während theologisch umfangreich ausgebildete Priester nicht einfach nur deshalb der Verdammnis anheimgestellt werden, weil sie das Bedürfnis nach einer Ehefrau und eigenen Kindern haben.

Deutschlands Oberhirte Zollitsch gab jedoch zeitgleich mit seinem Vorstoß zu einem offeneren Blick auf den Zölibat auch seiner Überzeugung Ausdruck, dass es nicht einfach sein werde, die Ehelosigkeit im Konsens mit der Kirche und ihren Gläubigen abzuschaffen. Zu dem aktuellen Missbrauchsskandal hat er hingegen bisher keine Worte gefunden. Vielleicht weil es nicht nur um den angemessenen Umgang mit Missbrauchsfällen in seiner Kirche geht, sondern um echte Paradigmenwechsel.

Quelle: n-tv.de

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