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Abkehr vom Atomglauben Japan muss umsteuern

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AKW Fukushima vor der Katastrophe (Archivbild).

(Foto: dpa)

Japan und die Atomkraft - das ist ein seit Jahrzehnten äußerst diffiziles und ambivalentes Thema. Auf dem Land der aufgehenden Sonne lastet wie auf keinem anderen der Welt der Fluch der Kernenergie. Die Ukraine, Russland und Weißrussland sind dabei durch Tschernobyl ausgenommen.

Japan gehört zu den Staaten, die am stärksten auf diese Art der Energiegewinnung setzen. Das ist umso bemerkenswerter, weil gerade das ostasiatische Kaiserreich die zerstörerische Wirkung der Atomkraft kennengelernt hat. So machten Hiroshima und Nagasaki als einzige Städte die Bekanntschaft mit der verheerenden Wirkung von Atomwaffen. Weit mehr als 100.000 Menschen wurden nach den amerikanischen Nuklearangriffen im August 1945 sofort getötet; Zehntausende starben später an den Folgen.

Nun ist Japan erneut Opfer - diesmal der sich als falsch herausgestellten Hoffnung einer gefahrlosen, friedlichen Nutzung der Atomkraft. Obwohl die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt sich am so genannten Pazifischen Feuerring befindet, baute sie Atomkraftwerke in großem Stil. Die japanischen Atomkraftwerke hatten Ende 2009 einen Anteil von 29 Prozent an der Gesamtstromerzeugung des Landes - Tendenz steigend. 45 Prozent waren sogar anvisiert. Zu den bereits betriebenen 55 Atomreaktoren sollen  - oder nun vielleicht sollten - ein Dutzend dazukommen.

Japan ist mit seinen mehr als 120 Millionen Einwohnern ein rohstoffarmes Land; seine hochentwickelte Wirtschaft hat einen sehr hohen Energiebedarf. In den 1960er Jahren wandte man sich bei der Energiegewinnung von der Steinkohle weg hin zum Öl. Die Kernenergie gewann in Japan nach dem Ölschock in den 1970er Jahren immer mehr an Bedeutung. Mit heutigem Wissen gesagt: Das Unglück begann, seinen Lauf zu nehmen.

Vollständige Sicherheit unmöglich

Die politisch Verantwortlichen in Tokio wurden nicht müde, die Sicherheit der japanischen AKW trotz der permanenten Erdbebengefahr zu preisen. Sie beriefen sich auf die strengen Bauvorschriften. Die Kraftwerke sollten mindestens Beben der Stärke 7,75 aushalten. In besonders gefährdeten Gebieten waren die Kraftwerke auf die Zahl 8,25 ausgerichtet. Aber diese Maßnahmen reichten - das beweisen die aktuellen Ereignisse - nicht aus. Konnten sie auch nicht, denn das verheerende Beben vor der Stadt Sendai hatte Stärke von 8,9 auf der Richterskala. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es also nicht.

Bei den Japanern existierte bis jetzt eine insgesamt positive Grundhaltung zur Atomenergie. Das dürfte sich nun ändern. Bereits in  den vergangenen Jahren wuchs - wenn auch in schwachem Maße - der Widerstand gegen die Atomkraft-Gläubigkeit der Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft. Sie reagierten unter anderem auf diverse Affären des Betreibers des in die Schlagzeilen geratenen Atomkraftwerks Fukushima, Tepco. Der größte Energieerzeuger des Landes soll Wartungsdokumente gefälscht haben. Der Konzernchef und weitere Manager mussten 2002 ihren Hut nehmen. Auch im auf hochwertige Sicherheitsstandards bedachten Japan wurde also geschlampt, getrickst und vertuscht.        

Bei der Wirtschafts- und Technologiemacht ist man nun zum Umdenken gezwungen. Das Zurückfahren der klimaschädlichen Energieerzeugung darf keineswegs durch eine Forcierung der nicht vollständig beherrschbaren Atomkraft erfolgen. Auch die japanischen Regierungen, egal ob liberaldemokratisch oder demokratisch geführt, müssen sich noch stärker zu den erneuerbaren Energien hinwenden. Japan ist technologisch dazu in der Lage. Erste Erfolge hat es in dieser Hinsicht bereits vorzuweisen. So ist das Land zum Beispiel bei der Nutzung urbaner Biomasse bereits Vorreiter in Asien.

Insofern bringen die schrecklichen Ereignisse dieser Tage wenigstens etwas Positives für die Zukunft. Die Atomkraft ist nun auch in Japan desavouiert.

Quelle: n-tv.de

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