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Zwischenruf Stuttgart 21: Wo bleibt der Aufschrei?

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Das zu Beginn heftige umstrittene Projekt "Stuttgart 21" scheint nun kaum jemanden mehr zu interessieren.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Stuttgart 21" soll nun noch später fertig werden. Die Kosten übersteigen mittlerweile die ursprüngliche Finanzplanung um ein Vielfaches. Doch nennenswerter Widerstand regt sich nicht. Die Theorie von der parteiübergreifenden Protestbewegung erweist sich als Mär.

Mit der Planung von Baudauer und Kosten bei Großprojekten verhält es sich so wie mit Steuerschätzungen und Wirtschaftsprognosen: Sie stimmen nie. Das gilt für den Flughafen Berlin-Brandenburg ebenso wie für das Berliner Stadtschloss und die Hamburger Elbphiharmonie. Es hätte an ein Wunder gegrenzt, wenn es bei "Stuttgart 21" anders gewesen wäre.

Scheinbar weiß niemand, wie die zuletzt bei 4,5 Milliarden Euro gedeckelten Kosten auf bis zu 6,8 Milliarden klettern konnten. Es interessiert auch niemanden mehr so richtig. Einst war die gedankenlose Umwandlung eines Kopf- in einen Durchgangsbahnhof zum nationalen Thema geworden. Sie kostete einen Menschen fast sein Augenlicht und veranlasste Bundeskanzlerin Angela Merkel aus parteipolitischen Erwägungen heraus zu Solidaritätsbekundungen mit der damaligen schwarz-gelben Koalition in Stuttgart. Nun soll alles über die bereits bekannten Verzögerungen hinaus noch einmal später fertig werden.

Wo bleibt der Aufschrei, wo die Massendemonstrationen? Kolumnisten, Kommentatoren und Wissenschaftler hatten sich dereinst die Finger wundgeschrieben über eine angeblich neue Form des Bürgerwiderstands, der von links und grün übers sozialdemokratische bis ins liberal-konservative Lager reichte. Geblieben ist von all dem wenig.

Der Streit um einen Bahnhof ist nun mal keine hinreichende Grundlage für ein dauerhaftes politisches Projekt. Analog gilt dies für Ein-Thema-Parteien wie die deutschen Piraten oder die italienischen "grillini". Dafür braucht es schon Antworten auf die brennenden Fragen wie soziale Sicherheit bis ins Alter, Beschäftigung, Gesundheitswesen, Bildung und Frieden.

Besorgniserregend an diesem beredten Schweigen: Offensichtlich hat sich ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bundesbürger daran gewöhnt, dass Milliarden und Abermilliarden für Projekte verpulvert werden, die mit dem Wörtchen überflüssig eher unzureichend beschrieben sind. Würde man von Schloss, Philharmonie, "Euro Hawk", "Stuttgart 21" und anderem Sinnlosen die Finger lassen, liebe FDP, brauchte man den Soli vielleicht wirklich nicht mehr.

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Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 das politische Geschehen für n-tv. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Manfred Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: ntv.de