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Zwischenruf 233 "Tabula rasa" in Kurdistan?

von Manfred Bleskin

Nicht, dass die Türkei nicht schon in den überwiegend von Kurden besiedelten Norden des Irak eingefallen wäre, um die Kurdische Arbeiterpartei PKK zu bekämpfen. Nur heuer will die Regierung in Ankara offenbar ein für alle mal "tabula rasa", reinen Tisch oder besser: "montis rasus" machen, will heißen: die kurdischen Berge von der PKK "säubern". Die USA sind strikt dagegen.

Die Argumentation von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ist so simpel wie aus seiner Sicht überzeugend: Wenn die Vereinigten Staaten Israel im Libanon freie Hand lassen, könnten sie nicht gegen ein militärisches Vorgehen gegen die PKK sein. Zwischen Erdogan und dem Botschafter der USA in der Türkei ist es in diesem Zusammenhang zu einem scharfen öffentlichen Schlagabtausch gekommen, der so gar nichts mehr vom Verbündetsein in der NATO an sich hat. Wir lernen in jedem Fall, dass, wenn zwei das Gleiche tun, es noch lange nicht dasselbe ist.

An der Grenze zum Irak sind starke Truppenverbände aufmarschiert, bei jüngsten Kämpfen gab es offensichtlich Tote auf beiden Seiten. Ob die Zusammenstöße schon auf irakischem Territorium stattfanden, ist schwer nachprüfbar im wilden Kurdistan.

Die Türkei kann sich bei ihren Invasionsvorbereitungen der Unterstützung des Iran sicher sein, der seinerseits ein Kurdenproblem hat, und in der Vergangenheit wohl auch zumindest logistische Hilfe im Kampf gegen die PKK, die sich heuer Kongress für Freiheit und Demokratie (Kadek) nennt, geleistet hat. Dies wiederum war und ist den USA ein Dorn im Auge.

Hinter den türkischen Invasionsvorbereitungen steht auch die unveränderte Furcht Ankaras, der faktisch autonome Kurdenstaat im Norden des Irak könne zum Kern eines künftigen kurdischen Staates werden, der die territoriale Integrität der Türkei gefährdet.

Nun ist Erdogan ein zu gewiefter Politiker, als dass er gegen den Willen Washingtons massiv Truppen in den von den USA besetzten Nachbarstaat einmarschieren lässt. Kämpfe wird es gleichwohl geben. Das PKK-Problem gelöst wird damit aber nicht, und schon gar nicht die Kurdenfrage in der Türkei. Auch wird es nicht zu einem offenen Bruch im NATO-Bündnis kommen. Aber das Papier, auf dem die Pariser Verträge geschrieben stehen, wird dünner. Tabula rasa übrigens heißt wörtlich "abgeschabte Schreibtafel".

Quelle: ntv.de