Kommentare

Zwischenruf Wanderwitz' aberwitzige Ideen

21599828.jpg

Warten auf den "Storch": Nicht alle Paare sind gewollt kinderlos.

picture alliance / dpa

Der sächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Marco Wanderwitz ist bekannt für seine Sprunghaftigkeit. Nach der Schnapsidee mit dem Verkauf griechischer Inseln zur Überwindung der Finanzkrise und einem höheren Kassenbeitrag für Dicke lässt der 36-Jährige jetzt einen neuen Versuchsballon in die Luft. Eine Luftnummer.

Es ist nicht das erste Mal, dass der sächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Marco Wanderwitz mit einem aberwitzigen Vorschlag an die Öffentlichkeit tritt. Erst empfahl er Griechenland zur Überwindung der Schuldenkrise, ein paar Inseln zu verkaufen. Dann sollten Übergewichtige einen höheren Beitrag in die Krankenkasse einzahlen, weil sie deren Etat mehr belasteten als Twiggy & Co. Und jetzt die Idee, Kinderlose mit einer Art Soli stärker zur Kasse zu bitten als Familien mit Kindern.

Der Hinweis, Menschen ohne Kinder profitierten von den Zahlungen der Familien mit Kindern, stimmt. Doch wie Fettleibigkeit bei dem folgenlos gebliebenen Vorstoß mit den Dicken krankheitsbedingt sein kann, so kann eben auch Kinderlosigkeit medizinische Ursachen haben. Wie will der Mann, der sich "Volljurist" nennt, herausfinden, woran es bei dem Einen oder der Anderen liegt? Durch Zwangsuntersuchungen? Da sei dem Volksvertreter die Lektüre des Grundgesetzes anempfohlen.

Als es darum ging, den Arbeitgeberanteil an der gesetzlichen Krankenversicherung bei 7,3 Prozent festzuschreiben, hat der junge Wilde brav dafür gestimmt. Die Kostensteigerung im Gesundheitswesen einseitig den Arbeitnehmern aufzubürden, hält Wanderwitz mithin für gerecht. Es ist gut, dass Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, die wie Wanderwitz zur Gruppe der Jungen CDU/CSU-Abgeordneten zählt, den Vorschlag zurückgewiesen hat. Sie sollte standhaft bleiben, denn in der eigenen wie in der bayerischen Schwesterpartei gibt es Stimmen, die Wanderwitz unterstützen.

Wenn demographische Pyramiden standfest gemacht werden sollen, dann durch finanzielle Anreize für Menschen mit Kindern, auch und gerade für Alleinerziehende, die sich mit Ach und Krach gegen den Absturz in Hartz IV wehren und schlussendlich häufig genug durchs soziale Netz fallen. Warum eigentlich werden Beamte und Abgeordnete nicht in die Finanzierung der gesetzlichen Krankenkassen einbezogen. Hier können Reserven mobilisiert werden, gegen welche die Wanderwitzschen Kinderlosensteuern Peanuts sind. Und schließlich: Warum eigentlich steigen die Kosten für die Gesundheit von Jahr zu Jahr? Alle Regulierungsansätze blieben halbherzig. Sehr wahrscheinlich werden die Verantwortlichen wie im Fall der Finanzkrise erst dann aufwachen, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Hier könnten Milliarden eingespart werden.

Es bleibt zu hoffen, dass Wanderwitz als Mitglied der Deutsch-Portugiesischen Parlamentarier-Gruppe der Regierung in Lissabon nach der Herabstufung der Bonität des Landes durch Moody’s nicht rät, die Kapverdischen Inseln zu verhökern. Die ehemalige portugiesische Kolonie ist nämlich seit 1975 unabhängig.

Bleskin.jpg

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 das politische Geschehen für n-tv. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist er Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema