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30 Jahre Einheit ... und für was kämpfen wir?

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In diesem Jahr ist Potsdam als Brandenburger Landeshauptstadt Gastgeber der zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit.

(Foto: dpa)

Der 3. Oktober ist ein Tag, um an den Mut derer zu erinnern, die vor der Einheit für die Freiheit gekämpft haben. Und sich die Frage zu stellen: Was wollen wir jungen Menschen eigentlich erreichen?

"Vor der Einheit kam die Freiheit", bemerkte Bundespräsident Joachim Gauck a.D. vor einem Jahr. Man könnte hinzufügen: Vor der Freiheit kamen der Widerstand und der Mut. Gauck war es wichtig zu betonen, dass vor der Deutschen Einheit eine friedliche Revolution hatte stattfinden müssen, die überhaupt erst ermöglichte, dass die Mauer fiel und so viele Deutsche ihre neue Freiheit erlangen konnten. Unsere Einheit hätte nicht Wirklichkeit werden können ohne die mutigen Menschen im Osten, die für diese Freiheit kämpften.

30 Jahre sind keine lange Zeit. Als ich im Alter von acht Jahren mit meinen Eltern nach Berlin zog, da war die Mauer erst knapp neun Jahre weg. Als Kind sieht und erlebt man viele Dinge anders. Unterschiede zwischen Ost- und West-Berlin waren für mich nicht wirklich erkennbar. Es gab große Brachflächen mitten in der Stadt, am Checkpoint Charlie wurden russische Militärkappen verkauft (damals wahrscheinlich sogar Originale), auf der Friedrichstraße konnte man überall parken und der Potsdamer Platz glich einer Großbaustelle. Überhaupt wurde überall gebaut. Die Weltstadt Berlin, wie wir sie heute kennen, die gab es vor 20 Jahren noch nicht. Sie ist vor unseren Augen entstanden. Berlin hat sich seither jedes Jahr rasant verändert und Touristenströme angelockt, von denen nicht wenige die Reste einer Mauer suchen, die ein Symbol ist für Unfreiheit und Diktatur.

Doch während man Gebäude neu anstreichen und moderne Hochhäuser in kurzer Zeit hochziehen kann, braucht es bei den Menschen länger und mehr als die Politur einer Fassade, um das zu verarbeiten, was passiert ist. Und während ich als 30-Jähriger sehe, wie die Dinge um mich herum einem ständigen Wandel unterliegen, kann ich nur erahnen, wie schnell sich die Welt für jemanden verändert haben muss, der in der DDR in einem ganz anderen System aufgewachsen ist und dessen Ziel es war, für den Fall der Mauer zu kämpfen. Ich habe großen Respekt vor all jenen, die sich damals gegen ihr Regime stellten und ihr Leben riskierten. Es muss verbunden gewesen sein mit einer großen Hoffnung und einer Art Vertrauen in die andere Seite, diese Hoffnung gemeinsam zu verwandeln in Freiheit und Einheit. Aber auch ein Vertrauen darin, dass die andere Seite verstehen und anerkennen würde, welchen großen Stellenwert die Ostdeutschen der Wiedervereinigung beimaßen. Und ein Vertrauen darauf, dass man ihre Leistungen, die sie eingebracht hatten und noch einbringen würden, wertschätzen könnte.

Ich kann nicht für Menschen sprechen, die in Ostdeutschland aufgewachsen sind, ich kann aber verstehen, dass es offenbar bis heute Wunden gibt, die nicht geheilt sind, und es schockiert mich, wenn Menschen aus dem Osten diskreditiert werden, sobald sie ihre Herkunft preisgeben. Vorbehaltlos respektvoll sollten wir allen begegnen.

Immer wieder werden Menschen, die ihr Leben lang für eine gute Sache gekämpft haben, diskreditiert. Auch Joachim Gauck gehört dazu, der dafür angefeindet wird, für mehr Toleranz geworben zu haben - nicht zuletzt gegenüber Rechten. Dass er damit natürlich nicht Rechtsradikale meinte, das muss jedem klar sein, der Gaucks Vita kennt. Es zeigt, wie dünnhäutig wir geworden sind und es bestätigt letztlich auch Gaucks Argument: Toleranz bedeutet, dass man in einer Demokratie die Kraft haben sollte, gewisse Dinge auszuhalten. Selbst dann, wenn es manchmal nicht einfach ist.

Vielleicht zeigt es aber auch nur, dass wir uns als Gesellschaft gerade schwertun mit der Frage: Für was kämpfen wir eigentlich? Für welche positiven Errungenschaften wird man sich an uns erinnern? Vielleicht ist es der Kampf gegen den Klimawandel und die Zerstörung unserer Ressourcen. Vielleicht ist es auch ein größeres Bewusstsein für mehr Menschen in Not.

All diese Vorhaben lassen sich aber nur verwirklichen, wenn auch wir junge Menschen uns klarmachen: Der Grund, warum wir heute in diesem vereinten und freien Land leben, hat nicht zuletzt mit den Menschen zu tun, die vor 30 Jahren für diese Freiheit gekämpft haben. Und egal, wo wir als Gesellschaft noch hinwollen: Diese Freiheitskämpferinnen und Kämpfer sollten wir nie vergessen. Denn ohne Freiheit keine Menschlichkeit.

Quelle: ntv.de