Person der Woche

Person der Woche Dirk Schuster: Triumph des alten Fußballs

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Der SV Darmstadt 98 steigt in die 1. Bundesliga auf und schreibt Sportgeschichte. Fußballromantiker frohlocken, denn Trainer und Team verkörpern noch die gute, alte Zeit von Fleiß, Teamgeist und Willen.

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Trainer im Lilien-Hoodie: Dirk Schuster.

(Foto: imago/MIS)

Unter Fußballtrainern gab es jahrzehntelang den Typus "Trainingsanzug". Er stand im selbigen am Spielfeldrand, seine Gesichtsadern waren geschwollen, seine Sprache ruhrpottlerisch direkt. Er verkörperte das Malochen, das Kämpfen, das Schwitzen, auch das Rumschnauzen - und im Zweifel konnte er den Rasen noch selber mähen. Der scheidende VfB-Stuttgart-Retter Huub Stevens ist einer der letzten dieser Zunft und der Trainingsanzug war immer ein Abbild seiner handfesten Berufsauffassung.

Seit einigen Jahren jedoch hat der Trainertypus "Business Suit" das Regiment am Spielfeldrand übernommen. Er hat die Trainingshose abgelegt, weil es seiner Nähe weniger Transpiration als Aspiration gibt. Er kommt im italienischen Anzug daher, denn seine Berufsauffassung ist managerieller Natur. Seine Coaching-Zone ist in Wahrheit ein gefühltes Großraumbüro, er hat einen "Masterplan", fordert "Teambuilding", will "Ziele erreichen" und "dass unterm Strich die Ergebnisse stimmen", mindestens "die Null steht". Wo der Typus Trainingsanzug noch Kampf und Konzentration verlangte, verfolgt "Business Suit" eine Spiel-Philosophie. Mit Pep Guardiola ist dieser Typus in seiner ausgereiften Variante präsent.

Viele der jüngeren Erfolgstrainer fühlen sich freilich weder in der einen noch in der andern Rolle wohl und so haben sie einen dritten Typus etabliert, den "Smart Casual". Er vermischt beide Elemente, trägt Designerhemd, Jeans und Sportjacke. Er signalisiert - ich kann Blutgrätsche und Businessplan gleichzeitig. Man nennt sie "Konzepttrainer", weil man ein theoretisches Fundament ihrer habituellen Varianz vermutet. In Wahrheit verkörpern sie die schwindende Kumpelhaftigkeit in der kalten Welt der "Business Suites". Dortmunds Jürgen Klopp steht für diese Kerlekultur wie kein anderer.

Mit Dirk Schuster betritt nun aber wieder ein klassischer Trainingsanzug die Bühne der Bundesliga. Der Trainer von Darmstadt 98 hat ein kleines Fußballwunder geschafft und mit einer bescheidenen Provinztruppe in einem kleinen Stadion den Durchmarsch von der dritten in die erste Liga geschafft. In das logenfreie Stadion, in dem von 19.000 Plätzen 15.000 offene Regen-Stehplätze mit Unkrautwucherungen sind, würde sich ein "Business Suit" höchstens naserümpfend verirren. Doch die Herzen der Fußballromantiker schlagen bei der wundersamen Aufstiegsgeschichte des Dirk Schuster und seiner Darmstädter "Lilien" höher.

"Wir spielen nur, was wir können"

Schusters Erfolg ist ein kleiner Triumph des alten Fußballs über die neureiche Welt der gesponserten Konzernspiele von Wolfsburg über Leverkusen bis Hoffenheim und Ingolstadt. Dass ausgerechnet diese Darmstädter dabei den Red-Bull-Geldgiganten aus Leipzig - dort kostete ein einziger Spieler mehr als bei den Lilien die ganze Mannschaft - in die sportlichen Schranken verwiesen haben, ist ein Sieg des Charakters über das Portemonnaie.

Schuster hat für winziges Geld Spieler geholt, die anderswo keinen Stich mehr bekamen. Und er hat sie zu einer Mannschaft im wahrsten Sinne des Wortes geformt, nach ganz alten Männer-Tugenden. Die Spielweise der "Lilien" ist spielerisch begrenzt, aber altdeutsch. Geradlinig, kämpferisch, diszipliniert, wuchtig. "Wir spielen nur das, was wir können", rechtfertigt Schuster seinen Berti-Vogts-Stil. Die beste Abwehr der zweiten Liga gehört dazu.

In seiner ganz eigenen Art passt Schuster weder in den Business Suit noch ist er ein smarter Casual-Kerl mit Dreitagebart. Er ist ein bekennender Rasenarbeiter: "Ohne einen ausgeprägten Zusammenhalt kann man nicht bestehen", lautet eine seiner Losungen, die so herrlich altmodisch klingen, als sei Sepp Herberger höchstselbst wieder da.

Schuster hat an Liga-Spieltagen seine Hosentaschen voller Glücksbringer, er schwört auf ritualisierte Abläufe und verlangt, "alles rauszuhauen, was wir haben". Die schräge, morbide Großvater-Kulisse am Darmstädter Böllenfalltor liefert zu dieser Haltung den perfekten Retro-Rahmen.

Schuster startete seine Karriere mit den Junioren des FC Karl-Marx-Stadt, mit denen er 1986 DDR-Meister wurde. In der DDR-Nationalmannschaft errang er im selben Jahr den Junioren-Europameistertitel. Der Mauerfall veränderte das Leben des gebürtigen Karl-Marx-Städters bzw. Chemnitzers grundlegend. 1989 verteidigte er noch für den 1. FC Magdeburg und für die DDR-Nationalmannschaft, ein halbes Jahr später bekam er bei Eintracht Braunschweig seinen ersten Profivertrag im Westen. Die alten DDR-Oberen wollten ihn dafür in letzter Minute noch bestrafen: Umgehend erhielt er die Einberufung in die Armee: "Meine Frau und ich packten das Nötigste in einen kleinen LKW und fuhren über die Grenze in den Westen. Die Braunschweiger hatten uns geholfen. In Hannover erhielten wir dann die Einbürgerung in die BRD", erzählte Schuster später. Eine Republikflucht zu einem früheren Zeitpunkt hätte er freilich nicht ins Auge gefasst, um seine Familie (sein Vater arbeitete als Trainer) nicht in Schwierigkeiten zu bringen.

Der Westfußball überraschte den bodenständigen Sachsen schon damit, dass ihm die Trainingsklamotten gewaschen wurden: "Das mussten wir im Osten alles selbst erledigen, teilweise haben wir dreimal in den selben Trikots gespielt, bevor sie in die Wäsche kamen." Schusters Westkarriere führte ihn vom Karlsruher SC bis zum 1. FC Köln. Unter Berti Vogts wurde Schuster 1994 Nationalspieler und bestritt drei Spiele für die DFB-Auswahl.

2007 bestand er als Lehrgangsbester in der Deutschen Sporthochschule seine Fußballlehrerprüfung. Seinen ersten Erfolg als Trainer feierte er 2012 mit den Stuttgarter Kickers (Aufstieg in die Dritte Liga). Der spektakuläre Coup in Darmstadt macht ihn nun zum Star in seiner Branche, obwohl er habituell dazu nicht recht taugt. Denn Schuster ist bodenständig geblieben, der einzige echte Ossi, der fortan einen Bundesligaverein trainiert. Im Trainingsanzug mit Lilien-Hoodie.

Quelle: ntv.de

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