Person der Woche

Person der Woche: Tobias Lütke Ohne Abi zum Startup-Überflieger

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Ein Koblenzer Schulabbrecher schafft als Startup-Gründer einen digitalen Weltkonzern. Seit dieser Woche ist Shopify größer als alle Dax-Konzerne. Die Börsenkurse schießen empor. Was ist da los?

Shopify hat die Marke von umgerechnet 150 Milliarden Euro Marktkapitalisierung durchbrochen. Die Börse ist ganz heiß auf die Aktien der E-Commerce-Plattform, der Wert des Unternehmens steigt und steigt. Binnen drei Tagen schafft es Shopify, so viel Marktwert wie der Lufthansa-Konzern mit insgesamt 5,6 Milliarden Euro auf die Waage zu bringen. Das Unternehmen hat zuletzt einen Marktwert von knapp 168 Milliarden, damit ist es wertvoller als jeder Dax-Konzern. Man könnte sich für ein Shopify sogar 24 Mal die ganze Commerzbank kaufen.

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Hinter dem spektakulären Welterfolg steht ein 41 Jahre alter Koblenzer. Tobias Lütke ist Gründer und Chef von Shopify und damit derzeit Deutschlands erfolgreichster Unternehmer. Er stößt in die Milliardärs-Garde von Bill Gates, Jeff Bezos und Elon Musk vor - doch kaum einer in Deutschland hat seinen Namen je gehört. Dabei hätte es schon 2019 auffallen können, dass Elon Musks Spende von 1.000.000 US-Dollar für eine Baumpflanzaktion namens "Teamtrees" plötzlich von diesem Deutschen namens Lütke mit 1.000.001 Dollar übertroffen wurde.

Die Geschichte von Lütke könnte einem Kitschroman über Nerd-Karrieren entstammen. Als Siebenjähriger bekommt er von den Eltern einen ersten Computer geschenkt - auf diesem Schneider CPC bringt er sich das Programmieren bei. Mit elf Jahren schreibt er Commodore-64-Spiele um und verbringt seine Zeit als Zocker für Videospiele. "So 15, 16 Stunden am Tag" spielt er, vor allem "Pac-Man" oder "Space Invaders", Computermagazine helfen ihm schließlich, selbst Spiele zu programmieren. Er scheint sich völlig hinter seinem Computer zu verstecken. "Wir machten uns damals große Sorgen um ihn", räumt seine Mutter ein. Die Eltern schicken ihren introvertierten Jungen zum Therapeuten.

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Hat einen Amazon-Herausforderer gegründet: Tobias Lütke.

(Foto: REUTERS)

In der Schule sei er deswegen ein "miserabler Schüler" gewesen, gesteht er heute. Eine Lese-Rechtschreibschwäche tut das Übrige - Lütke bricht nach der zehnten Klasse das Gymnasium mit einem Realschulabschluss ab. Fortan konzentriert er sich auf das, was er wirklich gut kann und ihm Spaß macht - programmieren. Bei Siemens-Nixdorf in Koblenz startet er eine Ausbildung zum Fachinformatiker, doch schon bald zieht es ihn aus Deutschland weg. Während eines Urlaubs in Kanadas Wintersportparadies Whistler lernt er die blonde Fiona McKean aus Ottawa kennen, er verliebt sich und wandert für sie 2002 nach Kanada aus. Heute sind die beiden verheiratet und haben drei Kinder.

Snowboards aus der Garage

Im Jahr 2004, just da Elon Musk sein Tesla-Abenteuer beginnt, startet auch Lütke in Ottawa sein erstes Unternehmen: Snowdevil. Mit seinem Snowboard-Freund Scott Lake will er - typisch Startup - aus einer Garage heraus Snowboards über das Netz verkaufen. Kurzerhand programmiert er eine eigene digitale Plattform für den E-Commerce-Laden. Das Kumpel-Geschäft mit den Snowboards fliegt nicht so recht, sein Schwiegervater muss finanziell aushelfen. Dafür steigt jedoch die Nachfrage nach der Software.

Im Familien- und Freundeskreis leiht er sich 200.000 Dollar Startkapital und launcht 2006 offiziell die E-Commerce-Plattform "Shopify". Die erste Firmenzentrale der zwei Gründer wird ein Tisch im Bridgehead Coffee Shop in Ottawa, der sich vor allem durch ein gutes WLAN auszeichnet. Die Plattform ermöglicht kleinen und kleinsten Onlinehändlern den Aufbau eigener Shops, mitsamt Bezahloptionen und die Integration in den Amazon Marketplace.

Vier Jahre nach der Gründung ruft Lütke - im Herzen immer noch eine Spielernatur - einen Wettbewerb aus, um Shopify bekannter zu machen. Demjenigen Mittelständler auf seiner Plattform, der den höchsten Umsatz in zwei aufeinanderfolgenden Monaten erzielen würde, wird ein MacBook Pro versprochen. Ein Freund ermutigt ihn, das Preisgeld kurz darauf auf 100.000 Dollar zu erhöhen, damit die Aktion einschlägt. Der Wettbewerb bringt 1400 neue Händler auf die Plattform und beschert Shopify den Durchbruch. Investoren und Wagniskapitalgeber melden sich, 2015 folgt schließlich der Börsengang. Wer damals bei Lütke mit 20.000 Euro eingestiegen wäre, hätte heute mehr als eine Million daraus gemacht.

Mit der Shopify-Software schafft Lütke aber nicht nur gewaltige Börsenwerte. Ohne es anfangs zu ahnen, gründet er eine Gegenwelt zum Marktriesen Amazon. Millionen kleiner Händler in aller Welt können mit Shopify an Amazon vorbei direkt an Endkunden verkaufen. Der Erfolg ist nicht nur gewaltig, er wird spektakulär. Das Wirtschaftsmagazin "Barron's'" (Wall Street Journal) kürt Lütge in diesem Jahr zum "besten CEO" und zum "Anti-Amazon". Gerade da die Welt den Marsch ins Amazon-Monopol fürchtet, kommt ein junger Deutscher und eröffnet die digitale Konkurrenz. Der Wert von Amazon-Aktien hat sich in den letzten drei Jahren verdoppelt - der Börsenwert von Shopify aber hat sich verachtfacht.

Lippenstifte von Kylie Jenner

Die Corona-Krise verhilft Shopify schließlich zum globalen Durchbruch. Weltweit konzentrieren sich Händler auf ihren Online-Verkauf, sie brauchen Lütkes einfache Software. Der erweitert sein Angebot um eine Zahlungsplattform (Shop Pay) und einen Fulfillment- und Logistikarm; das Unternehmen hilft Händlern heute auch umfassend mit Branding, E-Mail-Marketing und Werbung. Die größten Influencerinnen der Welt wie Kim Kardashian oder Kylie Jenner verkaufen über Shopify. Allein Jenner hat so schon mehr als 900 Millionen Lippenstifte über Shopify abgesetzt.

Heute ist der Schulabbrecher nicht nur einer der reichsten Deutschen und erfolgreichster Startup-Unternehmer, er führt jetzt auch das größte Unternehmen Kanadas. Sein Shopify ist heute dreimal so wertvoll wie Ebay - und die Wachstumsdynamik nimmt immer noch zu. Trotz des Milliardenspektakels ist Lütke bescheiden geblieben. Er fährt weiter mit dem Fahrrad zur Arbeit, und sein Arbeitszimmer sieht immer noch so aus, "als habe er gerade ein Praktikum begonnen: stahlgraues Regal, Registerschrank, zwei Arbeitsplätze - that's it", so beschreibt es das Manager Magazin. Mit seiner Schiebermütze (in seiner alten Heimat "Batschkapp", in seiner neuen "Flatcap" genannt) und seinen wasserblauen Augen sieht er immer noch so aus wie ein Koblenzer Rheinfischer, der sich auf den Feierabendwein freut. Und freuen kann er sich jeden Tag.

Quelle: ntv.de

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