Pressestimmen

Abzug der Truppen aus Afghanistan "Blanker Hohn"

Neun Jahre nach dem Einmarsch in Afghanistan hat die internationale Gemeinschaft in Kabul über die Zukunft des Landes beraten - mit einem klaren Ergebnis: Die Afghanen sollen bis Ende 2014 die Verantwortung für die Sicherheit im eigenen Land selbst übernehmen - für die deutschen Zeitungen ein Unding.

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UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und Afghanistans Präsident Hamid Karzai (v.l.) reichen sich nach der Internationalen Afghanistan-Konferenz in Kabul die Hände.

(Foto: dpa)

"Für die Angehörigen der toten Soldaten muss das wie blanker Hohn klingen", ist in der Mittelbayerischen Zeitung zu lesen. Das in Regensburg herausgegebene Blatt ist überzeugt: "Diese Entscheidung hätte man schon vor Jahren haben können, weil bereits früh klar war, dass der Krieg gegen die Guerilla-Strategie der Taliban nicht zu gewinnen ist. Wenn die Afghanistan-Konferenz also zum Rückzug bläst, muss man fragen, warum nicht sofort? Weil die westlichen Regierungen nicht die Lehren aus ihrem Vietnam am Hindukusch ziehen wollen, werden weitere deutsche Soldaten sterben müssen".

Die Berliner Zeitung reagiert bissig auf die Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die  Afghanen: "Das dürfte Musik in den Ohren von westlichen Regierungen sein, die angesichts einer kriegsmüden Öffentlichkeit dringend nach einem Ausweg aus dem Dilemma am Hindukusch suchen. Der geplante, sanfte Ausstieg soll zudem der hochgerüsteten Militärallianz Nato die Schmach ersparen, die Talibanmilizen nicht bezwungen zu haben". Doch, da ist sich das Blatt sicher: "Afghanistans Polizei und Streitkräfte sind weit davon entfernt, auf eigenen Füssen zu stehen - weiter als das Jahr 2014".

Für die Financial Times Deutschland steht fest, dass die Nato die Erwartungen der westlichen Öffentlichkeit "möglichst schnell zurückschrauben" sollte. "Der ehrgeizige Zeitplan hat den Geburtsfehler, dass er unter innenpolitischem Druck entstanden ist", argumentiert das in Hamburg herausgegebene Blatt. "Die Sicherheitslage in Afghanistan ist verschlimmert durch jahrelanges unentschlossenes Lavieren des Westens so instabil, dass einige wenige Jahre wohl kaum ausreichen werden, um afghanische Polizei und Militär zu ausreichender Stärke aufzubauen. Damit drohen die Nachteile des festgelegten Abzugsdatums die Vorteile zu überwiegen. Es mag innenpolitisch heikel sein, von dem Versprechen wieder abzurücken, das das Jahr 2014 für eine kriegsmüde Wählerschaft darstellt. Doch das ist ein geringer Schaden im Vergleich zu dem, den ein überstürzter Abzug anrichten könnte."

Auch der Westfälische Anzeiger bezweifelt die Richtigkeit der Entscheidung: "Die Klagelieder politischer wie journalistischer Beobachter sind zu zahlreich, um unglaubhaft zu erscheinen. Sie handeln von einer Regierung, die von Korruption lebt, statt sie zu bekämpfen. Bekämpft werden soll dieses Szenario von Polizisten, die weder lesen noch schreiben können und von West-Ausbildern mit 150 Euro abgespeist werden, während die Taliban mit 300 Euro Überläufer locken". Für das Blatt klingt das "Bild vom vermeintlich neuen Afghanistan" eher nach einer "Rechtfertigung dafür, in absehbarer Zeit die Koffer packen zu können. Das aber hätte die Staatengemeinschaft früher haben können. Und dies mit weniger Opfern".

Das Fazit des Reutlinger Generalanzeigers lautet: "Das Kabuler Abschlussdokument formuliert Ziele, die selbst bei wohlwollendster Betrachtung in der Realität nicht erreicht werden. Weder sind bis 2014 alle afghanischen Provinzen gesichert, noch wird die Regierung Karsai die Korruption in den Griff bekommen (wollen). Die ganze Hilflosigkeit der Staatengemeinschaft spiegelt das Aussteigerprogramm für Taliban wider. Stattdessen sollten lieber breite Massen von Bauern und Handwerkern mit Kleinkrediten und mit Möglichkeiten zum Um- und Ausstieg aus der Drogenproduktion unterstützt werden. Fanatische Islamisten werden sich weder politisch einbinden noch mit Aussteigerprogrammen gewinnen lassen."

Quelle: n-tv.de, Zusammengestellt von Susanne Niedorf