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Das Desertec-Projekt "Blutiger Strom" befürchtet

Desertec ist eine große Vision - eine, die viele Chancen, aber auch hohe Risiken birgt. Afrika und Europa könnten näher aneinander rücken. Oder aber die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer. Und dann besteht die Gefahr, dass blutiger Strom fließt.

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Wer wird von Desertec profitieren? Das ist eine der Hauptfragen, die sich die Presse stellt.

(Foto: AP)

Für den Trierischen Volksfreund ist die Idee, "in den Wüsten Nordafrikas in solarthermischen Kraftwerken Strom für Europa zu erzeugen", eine "große Vision", die nämlich, "dass sich sauberer Strom auf der Welt erzeugen lässt, und zwar im Überfluss". "Und dass es Menschenwerk sein wird, sie zu nutzen." Bei diesem Menschenwerk begännen jedoch die Risiken und Nebenwirkungen: "Wer es gut meint mit der Vision von 'Desertec', muss sie herunterholen ins Reich der Realitäten." Das Wie liefert das Blatt gleich mit: "Er muss sie den zwölf beteiligten Konzernen wegnehmen. Dieses Produkt muss den Nordafrikanern gehören. Sie müssen befähigt werden, solarthermische Kraftwerke aufzubauen und zu betreiben." Das sei die Zielsetzung, mit der das Projekt das "zentrale Zukunftsprojekt der neu gegründeten Mittelmeerunion und damit der europäischen Entwicklungspolitik für Nordafrika werden" sollte. "Falls später einmal ein paar Gigawatt für uns abfallen - umso besser."

Auch der Nordbayerische Kurier betont die Wichtigkeit eines beidseitigen Gewinns durch das Projekt: "Macht es Sinn, die Energie der afrikanischen Sonne über tausende von Kilometern nach Norden zu leiten? Oder sind kleine, dezentrale Versorger mit erneuerbarer Energie in Städten und Landkreisen die bessere, auch sicherere Wahl? Beide Modelle werden gebraucht. Desertec kann Afrika näher an Europa rücken, wenn beide Seiten davon profitieren." Das Blatt wagt Optimismus: "Die Kraft der Sonne könnte den vergessenen Kontinent in ein neues Licht rücken. Wenn einmal deutsche Elektroautos mit afrikanischem Sonnenstrom durch die Gegend flitzen, dann ist dies eine sympathische Variante der Globalisierung."

Kritisch betrachtet die Rhein-Zeitung das Solarprojekt: "Afrika ist der Kontinent mit der am schnellsten wachsenden Bevölkerung der Welt. Aber 15 bis 25 Cent pro Kilowattstunde kann dort niemand zahlen. Wenn dort das Licht flackert und die Menschen gleichzeitig sehen, dass ihr Land benutzt wird, um die Glitzerwerbung an den Boulevards von Paris oder Berlin leuchten zu lassen, wird das nicht gut ausgehen." Das Projekt sei eine Geldmaschine, die "Verwerfungen zwischen Arm und Reich drastisch verstärken" werde. Einen "blutigen" Strom befürchtet das Blatt aus Koblenz/Mainz: "Wenn nur die Despoten und ihre Vasallen dadurch reicher werden sollten, wenn die Militärapparate noch ausgebaut werden - natürlich unter dem Vorwand, die Transportleitungen nach Europa zu sichern - dann wird dieser Strom bald nicht mehr sauber sein."

Sicherheitsbedenken äußert die Kölnische Rundschau - allerdings einseitig mit Blick auf die Energieempfänger: "Es könnte also wirklich ernst werden. Wie ernst, das macht schon die Zusammensetzung des Wüstenstrom-Konsortiums um den Versicherungsriesen Münchner Rück deutlich. Hier wird keine Utopie via Faltblatt verteilt, sondern hier geht es um konkrete Machbarkeit und damit auch um greifbare Chancen und Risiken." Ein weniger großes Problem sei die Finanzierung: "Verteilt auf 40 Jahre werden aus 400 Milliarden Euro Beträge, die die beteiligten Konzerne durchaus aufbringen könnten." Doch ein anderes wiege viel schwieriger: das Problem der Sicherheit. Denn "die möglichen Solarkraftwerke würden in einer Region gebaut, in der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit Mangelware sind". "Welche Sahara-Länder sind politisch stabil und als Energielieferanten verlässlich?"

Quelle: n-tv.de, Zusammengestellt von Nadin Härtwig

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