Pressestimmen

Boris Johnson macht den "Exit" "Das Gesicht der Brexit-Kampagne kneift"

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(Foto: picture alliance / dpa)

Boris Johnson macht es also nicht. Ausgerechnet der lauteste "Leave"-Vertreter will sich nicht als Nachfolger des scheidenden Premierministers David Cameron bewerben. Die deutsche Presse wirft ihm dafür Feigheit, innenpolitisches Machtgeplänkel und einen Hang zur Selbstinszenierung vor. Doch unter den zur Wahl stehenden Kandidaten gibt es auch eine Hoffnungsträgerin.

"Thank you, Boris Johnson": So kommentiert Die Welt die Erklärung des Brexit-Befürworters, nicht für das Amt des Premierministers zu kandidieren.  Nach seinem für Europa schmerzhaften Triumph über das politische Establishment sei das für seine Fans "eine bittere, aber notwendige Enttäuschung". Denn: "Boris will vor allem spielen", werfen ihm die Kommentatoren vor. Diesmal allerdings habe es "ihn selbst überrascht, wie seine genialische Laune die Welt aus den Bahnen wirft". Besonders brisant am Fall Boris Johnson: Sein Vater warb bei den Tories um einen Verbleib in der EU. "Auch der ödipale Gestus dieses Triumphs füttert den Mythos des unberechenbaren Exzentrikers".

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung wirft Londons ehemaligem Bürgermeister vor, die Brexit-Kampagne für innenpolitische Machtspiele instrumentalisiert zu haben. "Es ist nicht auszuschließen, dass Johnson annahm, die Woge der 'Leave'-Kampagne (…) werde ihn bis in die Downing Street tragen, aber nicht so gewaltig sein, dass sie Großbritannien tatsächlich aus der EU hinaus spülen würde", stellt das Blatt fest. Jetzt da sich zeige, in welche Katastrophe die planlosen "Brexiteers" ihr Land führten, verließe ihn sein Mut und seine Großmäuligkeit, schreibt die FAZ. "Seine Versprechen sind nicht zu erfüllen". Es bestehe nun kein Zweifel mehr daran, dass Johnson nicht der Richtige für das Amt des Premierministers gewesen wäre. "Die Briten aber müssen sich nach seinem Offenbarungseid um so mehr fragen, warum sie ihm nachliefen."

Die ebenfalls aus der Mainmetropole stammende Frankfurter Rundschau kann sich angesichts des Rückziehers ein wenig Häme nicht verkneifen: "Was hat Boris Johnson getönt vor dem Brexit-Referendum!" Die wichtigsten "Argumente" für den EU-Austritt hätten sich allerdings inzwischen in Luft aufgelöst: Das gelte sowohl für die Zahlungen an die EU wie für das Versprechen, die Grenzen dichtzumachen. "Und was macht Boris Johnson?", fragt die Frankfurter Rundschau. Statt sich um das Amt des Premierministers zu bewerben und das zu verantworten, was nach den Austrittsverhandlungen von seinen Worten übrigbliebe, danke er ab. "Es lässt sich einfach leichter weiter lügen, wenn man nicht regieren muss", konstatieren die Kommentatoren. Dieses Verhalten sei schlicht und einfach feige. "So, liebe Mitläufer, steht es um eure rechten Idole."

"Boris Johnson, das Gesicht der Brexit-Kampagne, kneift." Für die Kommentatoren der Neuen Osnabrücker Zeitung ist der Politiker ein Feigling, der die Nachfolge von Premierminister Cameron nicht antreten wolle. Ein Mann, "der nicht mit der EU über den Austritt verhandeln will, weil ihm die Verantwortung zu viel ist". Johnson habe, so die Zeitung, den Rückhalt in seiner Partei verloren: "Die Konservativen trauen ihm nichts mehr zu." Das Verhalten sei verheerend – schließlich vertiefe es die Kluft zwischen Politikern und dem Volk. Es berge aber auch Chancen, hoffen die Kommentatoren. Die Nachfolge könne auf Theresa May hinauslaufen. "Ihr Politikstil erinnert an die Eiserne Lady Margaret Thatcher." Unter ihr werde es kein neues Referendum und keinen EU-Verbleib durch die Hintertür geben, so May. Das Blatt stellt erleichtert fest: "Das sind mal klare Worte".

Zusammengestellt von Judith Günther

Quelle: n-tv.de

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