Pressestimmen

Gabriels Stinkefinger gegen Nazis "Ein Gegenbild zur Teflon-Kanzlerin"

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Der Stinkefinger, den SPD-Chef Sigmar Gabriel völkischen Nationalisten entgegenstreckte, beschäftigt viele Kommentatoren aus der Tagespresse. Es war eine Antwort auf eine Anspielung der Rechten auf Gabriels Nazi-Vater: "Dein Vater hat sein Land geliebt - und was machst du?". In der Beurteilung der Geste ist sich die deutsche Presse allerdings nicht einig. Klare Kante gegen rechts - oder doch ein Faux-Pas?

Die Volksstimme aus Magdeburg lobt den Stinkefinger Gabriels im Vergleich zu anderen prominenten Mittelfinger-Entgleisungen. Es sei "wohl die nachvollziehbarste Geste unter den berühmten 'Stinkefingern'. Lässig entgegengehalten den extremistischen Wirrköpfen, die seinen verhassten Vater als Bruder im Geiste heraufbeschworen hatten." Der Kommentar erklärt: "Das hat den oftmals Dünnhäutigen durchaus getroffen. Und die maskierte Bande hat Angst ausgelöst. Diese Situation verlangte gewiss kein Signal der 'Dialogbereitschaft'". Positiv fällt das Urteil jedoch nicht aus, ein würdiger Staatenlenker falle eben auch angesichts der unappetitlichsten Gegner nicht aus der Rolle: "Ein Kanzlerkandidat sollte zeigen, dass er diese Regeln und sich beherrscht. Auch wenn Gabriel Klartext redet, hat er leider einen Hang dazu, sein Niveau auf das seiner Gegner zu senken. So nennt er die, die 'Ausländerpack' rufen, 'Pack', anstatt sich auch sprachlich abzugrenzen. Eines hat er sicher geschafft. Ein Gegenbild zur gegenwärtigen 'Teflon-Kanzlerin' zu sein."

Die Nürnberger Nachrichten beurteilen die Geste als unangebracht. Auch sie kritisieren die Strategie, Hass mit Hass zu begegnen und fragen: "Darf er das? Er darf nicht, er sollte jedenfalls besser nicht. Die politische Debatte verroht ohnehin. Dafür sind vor allem die Tiraden verantwortlich, die im Internet kursieren, aber eben auch öffentlich skandiert werden, weil der im Netz ausgeschüttete Hass ausstrahlt wie eine Seuche. Männer wie Trump und seine Fans auch in Deutschland befeuern diesen Hass, er ist ihr Nährboden. Das hat mit Politik nichts zu tun, das ist Demagogie und Aufstachelung zum Hass. Als Mittel zur Entgiftung hilft da, bei aller notwendigen Klarheit von Sprache und Haltung, nur Mäßigung im Ton und bei Umgangsregeln. Und dazu zählt der Stinkefinger definitiv nicht."

Der Berliner Tagesspiegel wertet den Stinkefinger als ein Faux-Pas und rügt: "Kalte Schulter zeigen, also solche Provokationen an sich abperlen lassen - Gabriel fällt es sichtbar schwer, diese Verhaltensregel Nummer eins für Spitzenpolitiker zu beherzigen." Der Kommentar fragt weiter nach dem Hintergrund der Geste und meint, der Sozialdemokrat erwecke sogar den Eindruck "bewusster Schnoddrigkeit. Weil er nichts 'Besseres' sein will, vielleicht, oder es als Selbstverständlichkeit ansieht, dass sich der SPD-Chef dort hinbegibt 'wo es stinkt': also in Brennpunkte, wo man ein deftiges Wort und den Finger versteht und als Authentizität schätzt." Für die Bundestagswahl stellt man Gabriel daher eine schlechte Prognose: "Gewählt wird Gabriels SPD dafür aber nicht, auch nicht dort, wo es stinkt. Andernfalls sähen die Umfragen anders aus."

Die Rheinzeitung denkt über mögliche Konsequenzen für Gabriel als Kanzlerkandidaten nach und schreibt: "Gabriels Ausbruch ist nicht mehr rückholbar. Die Provokation wird sich im Bundestagswahlkampf verselbstständigen und - ob er es nun will oder nicht - zu seinem Image beitragen. Dass er zu den Robusteren gehört, die es mit der Höflichkeit nicht so genau nehmen, wenn sie gereizt werden, ist dabei keine neue Erkenntnis. Er wird mit diesem Teil seiner medialen Darstellung leben können. Dazu ist sein Fell dick genug. Zur Wiederholung eignet sich der Vorgang indes nicht."

Auf die Frage, ob ein Vizekanzler das dürfe, antwortet die in Berlin erscheinende Welt deutlich: "Ja. Statt der versöhnenden Raute ein deutlicher Mittelfinger." Und auch auf die Frage, ob sich ein Kanzlerkandidat diese Geste leisten darf, urteilen die Kommentatoren: "Ja, denn niemand will einen emotionslosen Roboter. Hätte Gabriel nicht reagiert, wäre das viel armseliger gewesen. Das Einzige, was man ihm vorwerfen kann: Warum hat er nicht gleich beide Hände benutzt?"

Zusammengestellt von Anne Pollmann.

Quelle: ntv.de