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Pressestimmen zum Brexit "Europa muss neu gebaut werden"

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(Foto: picture alliance / dpa)

Der Brexit kommt. Und er wirft viele Fragen auf. Der deutschen Presse geht es aber weniger um das Ergebnis des britischen Referendums, als vielmehr um die Auswirkungen auf die EU. Alle sind sich einig: Die Union braucht Reformen, und zwar dringend.

Der Brexit kommt. Noch nicht heute, einen Tag nach der Abstimmung, aber er ist entschieden. Wie konnte es dazu kommen, wie geht es weiter - viele Fragen müssen beantwortet werden. Der deutschen Presse geht es aber weniger um das Ergebnis des britischen Referendums, als vielmehr um die Auswirkungen auf die Europäische Union. Alle sind sich einig: Die EU braucht Reformen, und zwar dringend.

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Ein Brexit-Befürworter feiert in London den Erfolg beim Referendum.

(Foto: REUTERS)

Ein kritisches Fazit der Abstimmung zieht Der neue Tag aus Weiden: "Ein isoliertes Insel-Denken mit vermeintlich einfachen Lösungen taugt nicht in einer komplizierten, komplexen und total vernetzten Welt. Die Illusion vom 'Unabhängigkeitstag' wird spätestens dann platzen, wenn Nordirland und Schottland jeweils ihren eigenen EU-Weg gehen", schaut die Zeitung in die Zukunft. "Sollten tatsächlich in der Europäischen Union künftig wieder Ideale und Werte in den Vordergrund rücken - anstelle einer undurchsichtigen Transfer-, Subventions- und Regulierungs-Superbehörde - würde der aktuelle Schaden noch Nutzen bringen. Die EU muss mit Reform-Willen auf den Brexit reagieren - und dabei die Menschen mit ins Boot nehmen", heißt es.

Das Hamburger Abendblatt blickt vor allem auf die Europa-Kritiker: "Überall auf dem Kontinent verbreiten Nationalisten ihre Lebenslügen: Sie suggerieren den Menschen, die heutigen Probleme mittels einer Flucht in die Vergangenheit zu lösen." Aber dies sei in einer Zeit der Globalisierung, der Entgrenzung weltfremd", heißt es. "Die Herausforderungen von heute - Terror, Demografie, Finanzkrise, Flüchtlingsnot, Klimawandel, Digitalisierung - wird man nicht lösen, indem man Schlagbäume herunterlässt, Mauern hochzieht und sich abschottet. Die Europa-Gegner haben Unrecht."

"Die Bundesregierung ist - anders als es das Klischee wissen will - an dieser brandgefährlichen Entwicklung in Europa, an der Erosion des Vertrauens, nicht unschuldig", kommentiert der General-Anzeiger aus Bonn die deutsche Rolle. Die größere Bedeutung Deutschlands nach der Einheit habe insbesondere Angela Merkel gerne angenommen. "Aber sie hat sie übertrieben. Frankreich sieht sie schon lange nicht mehr als ebenbürtigen Partner. Südliche Mitgliedstaaten wurden durch ihre Härte düpiert, die kleinen Mitglieder, die Helmut Kohl so bewusst gepflegt hat, missachtet." Der Brexit sei somit auch die Quittung für diesen faktischen Bruch der europäischen Solidarität, der sich in der Flüchtlingspolitik fortsetzte. "Europa muss neu gebaut werden. Sachlich und emotional", schreibt die Zeitung.

"Ein 'Weiter so!' kann es für die Politik der Europäischen Union nicht geben", schreibt auch die Märkische Oderzeitung aus Frankfurt/Oder. "Das europäische Projekt steckt in der Kritik, weil es für viele ein Synonym einerseits für Bevormundung, Arroganz und Bürokratie ist und andererseits als unfähig gilt, Krisen zu lösen und nicht in der Lage ist, Gesetze umzusetzen." Deutschland sei nun verdammt, die Führungsrolle zu übernehmen, die es nie wollte und die nur neue Gegner auf den Plan rufen werde, schreibt die Zeitung. "Gemeinsam mit Frankreichs Präsident François Hollande muss Bundeskanzlerin Angela Merkel nun eine akzeptable Balance finden zwischen nationalen Interessen und europäischer Politik. Von ihrer beider Erfolg hängt nun die Zukunft des Bündnisses ab."

"Europas politische Eliten müssen ihr Handeln wieder mit dem Lebensgefühl der Menschen in Einklang bringen", fordert der Münchner Merkur. "An rationalen Argumenten gegen den Brexit hat es in Britannien nicht gefehlt, aber die Gefühle der Fremdbestimmung und des Kontrollverlustes waren stärker." Daran müsse die Politik vor allem arbeiten. Gerade in der Zuwanderungsfrage, heißt es weiter, müssten die EU-Staaten dem Grundbedürfnis der Menschen nach Kontrolle der Grenzen und der Menschen, die zu uns kommen, Rechnung tragen.

"Wähler-Schelte? Nein. Das Votum der Briten ist ein Weckruf - der letzte Anstoß, endlich über das gemeinsame Haus Europa nachzudenken", fordern auch die Westfälischen Nachrichten aus Münster. Die EU müsse sich neu erfinden. "Ungelöst sind Flüchtlingsproblem und Griechenlandfrage. Es gibt keine Antworten auf die Perspektivlosigkeit der Jugend in Südeuropa. Euro-Politik und Globalisierung befördern nur die Ängste der Menschen." Europa brauche jetzt Führung und Orientierung, schreibt die Zeitung. "Klar ist aber auch: Mit dem alten 'Raumschiff Brüssel' wird der Aufbruch zu neuen Ufern kaum gelingen. Brexit wird die Zukunft verändern, es muss die Zukunft verändern - auf dem Kontinent, aber auch auf der Insel."

Mehr Europa fordert der Berliner Tagesspiegel: "Jetzt muss Europa britischer werden. Es muss wirklich demokratisch werden. Das Parlament muss alle Rechte eines Parlaments bekommen, muss über Einnahmen und Ausgaben entscheiden, die 'Regierung', die Kommission, wählen. Die Macht in der EU muss auf die Menschen übergehen. Denn nur dann wird sie der europäische Gedanke beseelen. Wollen wir hoffen."

Quelle: n-tv.de, Zusammengestellt von Markus Lippold.

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