Pressestimmen

Chaos bei der Deutschen Bahn "Fehler liegt im System"

Pressestimmen.jpg

Zugverspätungen und -ausfälle, kaputte Klimaanlagen im Sommer, defekte Heizungen im Winter und viele technische Störungen haben das Image der Deutschen Bahn in den letzten Jahren stark beschädigt. Die Kritik und Frustration der Kunden gipfelt jetzt im Chaos rund um den Mainzer Bahnhof. Durch Urlaub und Krankheit herrscht dort aktuell ein so eklatanter Mangel an Mitarbeitern, dass fast der gesamte Bahnhofsbetrieb eingestellt und umgeleitet werden muss. Muss die Bahn dafür die alleinige Verantwortung übernehmen? Hier die deutschen Pressestimmen.

2013-08-12T133126Z_969145670_GM1E98C1NI201_RTRMADP_3_GERMANY.JPG7825122922092820119.jpg

Fast alle Züge von und nach Mainz werden momentan umgeleitet oder fallen aus.

(Foto: REUTERS)

Die Welt findet, dass die phasenweise vom Schienenverkehr der Deutschen Bahn abgeklemmte Region um Mainz eher nach Subsahara-Afrika klingt. Die Bahn habe auf das sich anbahnende Chaos nicht wie ein moderner Dienstleister reagiert, sondern im Stile eines Liegenschaftsamtes. Andererseits müsse man aber auch bedenken, dass die alte Bundesbahn in Vielem zwar verlässlicher war, doch am Ende auch unbezahlbar. Im Übrigen sei es ja auch gar nicht die Bahn selbst gewesen, die entschieden hat, "halb Fisch (Bundesbehörde) und halb Fleisch (normales Unternehmen)" zu sein. Die Verantwortung dafür trage die Politik. Gemeinsam mit einer Bevölkerungsmehrheit, die einerseits störungsfreien Pendel- und Reiseverkehr als Grundrecht betrachtet, die aber andererseits nur wenig dafür bezahlen will. Beides passe nur bedingt zusammen, was die Mainzer nun zu spüren bekommen würden.

Die Berliner Zeitung schreibt: "Die Bahn hat sich selbst abgehängt. Das Verkehrschaos um den Mainzer Hauptbahnhof, ausgelöst durch einen Mangel an Fahrdienstleitern, ist mitnichten ein regionaler Einzelfall, wie es das größte deutsche Staatsunternehmen zunächst zu verharmlosen suchte. Es hat auch nur bedingt mit verfehlter Urlaubsplanung und einem hohen Krankenstand zu tun. Das Chaos in Mainz ist nur eine Folge des strikten Sparkurses, den der ehemalige Bahnchef Hartmut Mehdorn dem Konzern verordnet hatte, um ihn fit zu machen für den geplanten Börsengang."

Auch die Neue Presse sieht in Mainz zwar einen besonders bizarren, peinlichen und ärgerlichen Fall, aber die Bahn müsse nun einräumen, dass die Probleme deutschlandweit bestehen: "Vielleicht schleppen sich jetzt in diesem Moment irgendwo in Deutschland kranke Fahrdienstleiter zur Arbeit, weil sie ihrem Arbeitgeber weitere Schmach ersparen wollen. Oder ein anderer bricht tatsächlich seinen Urlaub ab. Die Lösung für strukturelle Probleme sieht anders aus. Sonst kommt die Bahn immer öfter - nicht."

In der Ludwiger Kreiszeitung wird kritisiert, dass das Chaos wieder einmal vom Kunden "ausgebadet" werden muss. Dieser leide sowieso schon unter zu vollen Zügen, Schwierigkeiten mit den Klimaanlagen im Sommer, immer wieder auftretenden Mängeln, wie etwa im Stuttgarter S-Bahn-System. Auch Zugfahrer müssten derzeit einiges abkönnen. Umso unverständlicher sei dies, weil die Bahn kein armes Unternehmen sei und mit starken Umsätzen glänzen könne. Das wiederum freue besonders den Bund, der dann mit einer reichhaltigen Dividende rechnen dürfe - allein im vergangenen Jahr flossen so 525 Millionen Euro in die Staatskasse. Der Verkehrsminister stehe auch deshalb in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Bahn Investitionen in den Schienenverkehr vorantreibe und ausreichend Personal an so wichtigen Punkten wie den Stellwerken vorhalte. Deshalb sei ein viel kräftigerer, politischer Druck angebracht.

Für die Stuttgarter Zeitung ist es "unverfroren", dass die Bahn zunächst glauben machen wollte, in Mainz handle es sich um einen bedauerlichen Einzelfall: "Das Gegenteil ist richtig. Die Fehler liegen im System, und die verantwortlichen Manager, haben offenkundig versagt. Viel zu sehr stehen im Staatskonzern kurzfristige Rendite-, Spar- und Dividendenziele oder teure Großprojekte im Vordergrund statt ein zuverlässiger Zugbetrieb und eine solide Personalplanung."

Die Mitteldeutsche Zeitung erkennt noch ein weiteres Problem: "Die Bahn hat sich selbst abgehängt. Mehdorns Nachfolger Rüdiger Grube, der statt von der Börse lieber vom 'Brot- und Buttergeschäft' spricht, muss als Folge der fatalen Börsenbahn-Politik seines Vorgängers bis 2020 jährlich mindestens 8000 neue Mitarbeiter einstellen, will er nur den Betrieb aufrechterhalten. Grube sieht sich anscheinend immer noch in der Spur. Mehr Umsatz, mehr Gewinn, mehr Investitionen und mit 49 Millionen Passagieren ein Fahrgastrekord im Jahr 2012. Seine Strategie für die DB wird davon abhängen, ob er diese neuen Mitarbeiter findet. Momentan sieht das nicht so aus. Der Arbeitsplatz Bahn ist immer noch zu unattraktiv."

Zusammengestellt von Louisa Uzuner

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema