Pressestimmen

Japans Informationspolitik "Gezielt hinters Licht geführt"

Die Lage im japanischen Atomkraftwerk Fukushima entwickelt sich immer mehr zu einem Albtraum. Verzweifelt kämpfen 50 Mann vor Ort gegen die nukleare Katastrophe. Wie dramatisch aber ist die Situation wirklich? Die Presse zeigt sich äußerst besorgt, denn auf die japanische Informationspolitik scheint man sich nicht verlassen zu können.

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Ein Mann versucht sich vor möglichen radioaktiven Strahlen zu schützen.

(Foto: AP)

"Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass wir erst den Anfang einer nuklearen Katastrophe in Japan erleben", kommentiert die Rhein-Neckar-Zeitung und fasst die Ereignisse des Tages zusammen: "Der Betreiber Tepco zog bis auf 50 Mann alle Arbeiter aus dem radioaktiv verseuchten Atomkomplex Fukushima ab und der Versuch, mit Meerwasser oder Wasser aus Hubschraubern die glühenden Brennstäbe zu kühlen, der kommt eher einer Verzweiflungstat als einem Rettungsversuch gleich."

Die Berliner tageszeitung äußert sich höchst besorgt und stellt fest, dass die Fakten für sich sprechen: "Drei Reaktoren vor dem  Durchschmelzen, massive Freisetzung von Strahlung, brennende Abklingbecken, flüchtende Helfer. Rechnet man dazu, dass die japanischen Behörden und AKW-Betreiber mit Informationen sehr  spärlich umgehen, dürfen einem da schon mal die Knie weich werden. Natürlich ist Angst ein schlechter Ratgeber und hilft Panik nicht weiter. Und natürlich ist es lächerlich, im sicheren Deutschland  nach Jodtabletten anzustehen. Aber wer 'Panikmache!' ruft, der hat  sich vielleicht nur nicht gut genug informiert und zelebriert eine  Coolness, die den Tatsachen nicht angemessen ist. Oder er hat bei  George Orwell gelernt: 'Nichtwissen ist Stärke'."

Auch die Nürnberger Nachrichten kritisieren die Informationspolitik der Zuständigen in Japan: "Was sich in und um Fukushima genau abspielte und abspielt, erfährt man von anderswo. Etwa aus Frankreich, wo der Störfall nun in die zweithöchste Kategorie sechs eingestuft wurde. Die Stufe sieben bekam bisher nur Tschernobyl." Das Blatt fragt sich, ob Regierung und AKW-Betreiber aus der Katastrophe von Tschernobyl nicht wenigstens gelernt hätten, dass "bei drohenden Gefahren nichts schlimmer ist als das Empfinden, gezielt hinters Licht geführt zu werden?"

Die Freie Presse analysiert den Atom-Gau aus deutscher Perspektive: "Über Deutschland rollt dieser Tage ein Bilder- und Nachrichten-Tsunami hinweg, der die Nation in einen Schockzustand versetzt. Die Atom-Katastrophe in Japan ereignet sich gefühlt nicht am anderen Ende der Welt, sondern in unseren Wohnzimmern." In der Bundesrepublik aber werde die Katastrophe ganz anders wahrgenommen, als in den anderen Teilen der Welt. Und "Im Denken der Anderen sind wir es, die mit unserer Angst übertreiben". Das aber, so die Zeitung aus Chemnitz, " sollte uns gleichwohl nicht davon abhalten, das Richtige zu tun. Schaltet Deutschland seine Reaktoren ab, wird dies zwar keine globale Energierevolution auslösen. Doch steter Tropfen höhlt den Stein. Orientierungsmarke und Vorbild könnte Deutschland sein und zeigen, dass es auch ohne Atomkraft geht."

"Deutschland wird auch mit nur neun Reaktoren funktionieren und produzieren, sonst würde Merkel nicht gleich die siebenfache Notbremse ziehen. Geht das Licht nicht aus und stehen keine Autowerke still, liefert das den besten Beweis, dass es zum Großteil bereits ohne Kernkraft geht". Damit wäre ein guter Schritt auf dem Weg zum endgültigen Aus der Atomenergie in Deutschland geschafft, meint die Nürnberger Zeitung, denn "wer sollte - nachdem das Hightech-Land Japan das atomare Desaster nicht verhindern konnte - den schnellen Ausstieg schaffen, wenn nicht das andere Hightech-Land: Deutschland."

Quelle: ntv.de, zusammengestellt von Katja Sembritzki

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