Ratgeber

Hinderliche Piercings? Azubi trotz Tattoos

Manuela liebt Tattoos und Piercings. Durch Kinn, Zunge und Bauchnabel ließ sie sich Metallstangen, Ringe und Kettchen stechen. Zum bestandenen Abitur gönnte sie sich ein großes Bild auf dem Fußgelenk und auf der Wirbelsäule. Ihre einzige Sorge war nur, dass sie damit Probleme auf dem Arbeitsmarkt bekommen könnte. Manuela wollte ein Ausbildung machen. Und mit so viel Körperschmuck kann das schwierig werden.

"Eindeutig kann man die Frage nicht beantworten, ob eine Tätowierung oder ein Piercing hinderlich beim Erhalt einer Ausbildungsstelle ist", erklärt Manfred Löbel, Referatsleiter Berufsberatung der Berliner Handwerkskammer. Es komme immer auf den auszuübenden Beruf an. "Wer handwerklich tätig ist, muss bei der Arbeit sowieso aus Arbeitsschutzgründen Ringe und Stecker mit einem Pflaster verstecken", sagt der Experte. "In Medienberufen zum Beispiel spielt es keine Rolle, ob der Azubi tätowiert oder gepierct ist."

In konservativen Berufen mit viel Kundenkontakt -dazu gehören Installateur oder Einzelhandelskauffrau -wird das noch anders gehandhabt. "Man stelle sich ein Großmütterchen vor, das einen Handwerker bestellt hat und vor dessen Tür dann ein vollgepiercter Mann steht -da sind Konflikte programmiert", warnt Manfred Löbel.

Manuela hat es geschafft. Die 22-jährige Berlinerin ist Azubi als Rechtsanwalts- und Notargehilfin im letzten Lehrjahr. "Bei meinem Bewerbungsgespräch sind die Stecker schon aufgefallen - und waren auch Thema", sagt Manuela. Aber man habe sich geeinigt. "Das Offensichtliche sollte ich entfernen, also den Stecker im Kinn zum Beispiel." Das war für sie kein Problem, denn für sie sind die Piercings keine Lebenseinstellung, sondern lediglich Schmuck.

Die Tattoos lassen sich natürlich nicht einfach so entfernen. "Im Sommer, wenn wichtige Kunden kommen, darf ich natürlich nicht mit Trägertop und kurzem Rock durch das Büro spazieren", erzählt Manuela. So läuft sie mitunter auch bei hochsommerlichen 40 Grad Celsius hochgeschlossen durch das Büro. Ansonsten könnten die Klienten an der Seriösität der Kanzlei zweifeln, befürchtet der Chef.

Der 23-jährige Ole aus Hamburg hat früher einmal in einem Tattoostudio gearbeitet - heute macht er eine Ausbildung als Krankenpfleger. "Ich hatte oft Azubis als Kunden, die unbedingt gepierct werden wollten." Er empfahl dann schwer einsehbare Stellen, wie Brust oder Intimbereich. "Wollte der Azubi ein Piercing an einer exponierten Stelle, dann habe ich immer gesagt: Warte doch, bis du deine Ausbildung beendet hast."

Marco Frank sitzt im Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB)in der Abteilung Jugend. Er hat die Erfahrung gemacht, dass viele Azubis ein sicheres Gespür dafür haben, was dem Chef zumutbar ist und was nicht. "Für viele bedeutet eine Ausbildungsstelle auch eine Übernahmechance -und die will man sich ja durch Körperschmuck nicht vermasseln." Der DGB empfehle in solch einer Situation, das Thema "Körperschmuck" mit dem Chef vor Ausbildungsbeginn genau zu besprechen.

Auch Manuela empfiehlt, beim Bewerbungsgespräch auf seine Tattoos und Piercings hinzuweisen. "Wenn man dann nicht genommen wird, weil man Körperschmuck trägt, taugt die Arbeitsstelle sowieso nichts." Es ginge ja wohl um die Leistung des Einzelnen und nicht darum, wie der Körper gestaltet ist. Doch was, wenn während der Ausbildung der Azubi auf die Idee kommt, seine Nase mit einem Ring zu verschönern?

"Wenn vertraglich nichts vereinbart wurde, dann hat der Ausbilder kein Recht, den Azubi abzumahnen oder zu kündigen -er darf ihn theoretisch nicht einmal dazu zwingen, den Ring zu entfernen", sagt Löbel. Azubi und Ausbilder sollten dann versuchen, einen Mittelweg zu finden. "Abkleben, entfernen oder weniger auffällige Piercings sind eine Lösung. Bei sichtbaren Tätowierungen hilft nur das Wegpudern. Auch wenn es lästig ist." Löbel empfiehlt trotzdem, die Zurschaustellung von Köperschmuck und Bemalung in die Freizeit zu verlagern. "Nach acht Stunden Arbeit sollte es dem Chef herzlich egal sein, was man so in seiner Freizeit macht."

Sollten Tattoos und Piercings jedoch ein geschäftsschädigendes Verhalten bedeuten, kann während der Probezeit eine fristlose Kündigung ausgesprochen werden. Im Verlauf der Ausbildung ist eine Abmahnung ebenso möglich. "Am Besten ist es, wenn der Körperschmuck einfach nicht zum Ärgernis wird", rät Gewerkschafter Frank. "Der Azubi sollte von Anfang an darauf achtet, dass seine Verschönerungen nicht auffallen."

In der Kanzlei von Manuela stellen ihre Tattoos und Piercings schon lange kein Problem mehr dar. "Auf der letzten Weihnachtsfeier war mein Körperschmuck sogar Gesprächsthema Nummer Eins - im positiven Sinne." Im April 2007 wird Manuela ihre Ausbildung beenden. "Wie nach dem Abi, werde ich mir auch dann ein Tattoo gönnen - egal was mein Chef davon denkt",

Von Thilo Mischke, dpa

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen