Ratgeber
Viele Verbraucher möchten eigentlich mit gekauften Produkten die Umwelt nicht nur schonen, sondern vielleicht sogar entlasten.
Viele Verbraucher möchten eigentlich mit gekauften Produkten die Umwelt nicht nur schonen, sondern vielleicht sogar entlasten.(Foto: picture alliance / Daniel Karman)
Dienstag, 10. Juli 2018

Besserer Umgang mit Müll: Etwas mehr wie die Ameisen sein

Das Prinzip "cradle to cradle" gilt als Königsdisziplin der Wiederverwertung. Die Bewegung und damit die Einflussmöglichkeiten der Verbraucher stehen noch am Anfang. Aber einiges lässt sich schon jetzt bewirken - auch beim Einkauf im Handel.

Müll? Gibt es eigentlich gar nicht. Zumindest nicht, wenn man dem Prinzip von "cradle to cradle" oder kurz c2c folgt. "Danach beinhaltet jedes Produkt Materialien, die als Nährstoffe gesehen werden", erklärt Christiane Varga vom Zukunftsinstitut Österreich. Vorbild sei die Natur: "Wenn ein Baum seine Blätter verliert, müssen sie nicht entsorgt werden, sondern gehen wieder in den Boden über und werden letztlich weiterverwendet." Ein perfekter Rohstoffkreislauf also, der sich auch bei Produkten anwenden lässt, die vom Menschen gemacht werden – wenn sie denn richtig gemacht werden.

Tim Janßen vom Verein Cradle to Cradle erklärt: "Es geht um Qualität und Innovation. Und ein ganz anderes Bild von der Gesellschaft." Das sei nach bisheriger Sicht von Umweltschützern oft allzu negativ. "In der Nachhaltigkeitsdebatte hat sich ein Menschenbild eingeschliffen, das sagt, am besten wären wir gar nicht da", erklärt Janßen. "Meistens dreht es sich darum, weniger zu tun, weniger zu nutzen, und natürlich den Fußabdruck zu reduzieren. Es gibt aber kein einziges Lebewesen auf der Welt, das CO2-neutral ist."

Bestandteile recyceln

Natürlich sei Ressourceneffizienz wichtig. "Aber wenn wir nur über Effizienz reden, dann reden wir nur über den Weg und nicht über das Ziel." Entsprechend lautet das c2c-Motto: "Sei ein Nützling, kein Schädling." Andere Lebewesen seien zahlreicher vertreten als Menschen. Die Biomasse aller Ameisen auf der Welt zum Beispiel sei viermal so groß wie die der Menschen. "Aber ihre Lebensweise ist positiv und fügt sich ein in ein System."

Um den Rohstoffkreislauf auch im menschlichen Wirtschaftssystem in Schwung zu bringen, muss man viele Produkte ganz neu denken. So kann man ein Haus als feststehendes Gebäude betrachten – oder als Materiallager, das gerade mehreren Menschen Obdach bietet. "Wir müssen unsere Materialien ja nicht so verbauen, dass wir sie nie zurückbekommen", sagt Janßen. "Wenn ich weiß, was ich habe, kann ich das irgendwann demontieren und für etwas anderes verwenden." Oder Bestandteile recyceln.

Ein weiterer Punkt laut Janßen: "Überall, wo wir Verschleißteile haben, müssen wir dafür sorgen, dass sie auch verschleißen dürfen." Als Beispiel nennt er Fahrradreifen. "Beim Abrieb gibt es eine Feinstaubproblematik." Auch als Quelle von Mikroplastik sind Reifen mittlerweile bekannt. Würde man sie dagegen bioabbaubar herstellen, wären die Reifenpartikel kein Problem mehr. Beim Material sei außerdem entscheidend, dass das Produkt entweder nur aus einem Stoff hergestellt wird oder eine sortenreine Trennung möglich ist, denn das erleichtert die Weiterverwertung.

Ein mitentscheidender Aspekt ist die Infrastruktur, also ein funktionierender Systemkreislauf. Genau hier hapert es noch häufig, wie Ursula Geismann vom Verband der Deutschen Möbelindustrie beobachtet. So sei es derzeit vereinzelt vielleicht schick, aus alten Produkten wie etwa Europaletten Möbel zu machen oder auch alte Möbel etwa aus den 1950er- oder 1960er-Jahren aufzuarbeiten und weiterzuverkaufen. In der Breite aber sei der Trend nicht bedeutend. "Es gibt viele Start-ups, die das machen, aber es ist nicht üblich. Die Möbelindustrie sammelt solche Materialien nicht ein. Da ist die Recyclingindustrie gefragt", sagt Geismann.

Romantische Herkunftsgeschichten wenig glaubwürdig

Grundsätzlich aber gelte: "Möbelhersteller sind schwer an dem Thema interessiert. Es ist auch ein Vorteil unseres Hauptproduktes Holz, dass man da immer noch etwas anderes draus machen kann", sagt Geismann. Zudem wachse in der Branche ganz allgemein das Bewusstsein für Nachhaltigkeit. "Viele achten schon heute darauf, energieeffizient zu arbeiten, Dinge so zu designen, dass Material gespart wird." Es wachse auch der Druck durch die Kunden, wie Christiane Varga bemerkt: "Der Verbraucher ist immer informierter, da ist ein gewisser Anspruch entstanden, was die Ökologie angeht."

Verbraucher, die beim Möbelkauf die Umwelt nicht nur schonen, sondern vielleicht sogar entlasten wollen, sollten skeptisch bleiben, rät Geismann. "Viele Möbel im Used-Look sind nur auf alt getrimmt. Da kauft man ein Regal und denkt, es war mal ein Einbaum aus Kambodscha. Dabei wurde nur frisches Holz von einem chinesischen Arbeiter mit dem Sandstrahler bearbeitet." Grundsätzlich seien solche romantischen Herkunftsgeschichten wenig glaubwürdig. "Es gibt nur wenige Ausnahmen, und die sind dann wirklich teuer."

Schließlich bedeute die Aufarbeitung viel mehr Arbeitsstunden. "Man kann ja nicht einfach ein altes Boot zerschneiden und neu zusammenstecken, sondern muss vorher schauen, womit es behandelt wurde und eventuell sogar Giftstoffe entfernen, bevor es weitergehen kann", erläutert Geismann.

Ein weiterer Aspekt betrifft nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft eines Möbelstücks: "Aus Produkten mit Dekor- oder Laminatfolie kann man am Ende des Lebenszyklus nichts mehr machen, nicht einmal Pellets", erklärt die Branchenexpertin. "Das ist Sondermüll, weil man das nicht mehr auftrennen kann." Die bessere Alternative seien zum Beispiel Furniere oder Lacke auf Wasserbasis.

Auch bei allen anderen Anschaffungen im Haushalt, sei es nun ein neues Sofa oder nur der Haushaltsreiniger, lohnt sich eine gesunde Portion Skepsis, sagt Janßen. "Sie können auf jeden Fall Fragen stellen: Ist das Produkt gesund für mich? Ist es danach noch nützlich, oder kommt das auf den Müll? Und wie geht es den Leuten, die es hergestellt haben?"

C2c-Label gibt es bereits

Auch ein c2c-Label gibt es bereits, vergeben wird es von einer gemeinnützigen Stiftung mit Sitz in Kalifornien. Allerdings sind damit erst rund 8000 Produkte und 260 Firmen weltweit zertifiziert.

Der Gedanke dieser Art der Wiederverwertung dürfte sich aber ausbreiten. "Derzeit brechen viele traditionelle Strukturen auf", sagt Trendanalystin Varga. "Dazu kommt, dass in anderen Ländern, etwa in Skandinavien, das Thema schon viel größer ist und zu uns herüber diffundiert." Und Janßen berichtet aus der Industrie: "Wir sehen, dass Unternehmen sich Schritt für Schritt in diese Richtung entwickeln, mit 10- oder 15-Jahres-Plänen."

Quelle: n-tv.de