Ratgeber

Tasman vs. Tasman Fahrradfahren 2.0

Was muss man sich nicht alles anhören, wenn man mit einem Pedelec unterwegs ist: "Na, wann wirst Du 70", tönt es spöttisch auf dem Radweg. Zugegeben, ein bisschen komisch fühlt man sich als Vertreter des männlichen Geschlechts Mitte 30 schon, wenn man auf einem Damenrad mit Elektromotor-Unterstützung sitzt. Spaß macht es trotzdem. Das bekommt man auch von den meisten bestätigt, die sich dann mal rauftrauen. Außerdem gibt es Herrenräder natürlich auch.

Gehen wir kurz einen Schritt zurück. Ein Pedelec (Pedeal Electric Cycle) ist ein Fahrrad, das durch einen Motor mit einer Leistung von höchsten 250 Watt die eigene Tretleistung unterstütz. Bei einer Geschwindigkeit von 25 km/h schaltet sich der Elektromotor ab. Die Begrifflichkeiten sind fließend. Einige Hersteller haben sich auch auf den Begriff E-Bike eingeschossen. Rechtlich gesehen handelt es sich bei Pedelecs um Fahrräder. Man darf also uneingeschränkt Fahrradwege benutzen, braucht kein Versicherungskennzeichen wie ein Mofa, keinen Führerschein und es gibt auch keine Helmpflicht. Einen Fahrradhelm tragen sollte man trotzdem.

Wir wollen es genauer wissen und starten mit einem unfairen Vergleich: Fahrrad gegen Pedelec. Der Fahrradhersteller Kalkhoff liefert uns hierfür eine Steilvorlage. Kalkhoff bietet nämlich das Tasman als Fahrrad und als Pedelec an.

Schon beim ersten Blick auf die beiden Räder fällt auf, dass sich die Gemeinsamkeiten doch eher in Grenzen halten. Bei beiden Rädern kommt die 8-Gang-Nexus-Nabenschaltung von Shimano zum Einsatz, Bremsen, Bremshebel, Lenker, Gabel und Bereifung sind identisch – das war es dann im Groben auch schon. Der Rahmen muss zwangsläufig beim Pedelec ein anderer sein, da der Akku zwischen Rahmen und Hinterrad Platz braucht. Insgesamt sind beide Räder aber mit gleichwertigen Komponenten ausgestattet.

Pedelec mehr als doppelt so teuer

Deutlichster Unterschied, der sich sofort im Portemonnaie bemerkbar macht, ist der Kaufpreis. Das Fahrrad ist für 799 Euro laut unverbindlicher Preisempfehlung zu haben, das Pedelec schlägt mit stolzen 1999 Euro zu Buche. Allein 600 Euro kostet der Li-Ionen-Akku, weitere 600 Euro sind für den Panasonic-Motor anzusetzen. Für den Preis des Pedelecs bekommt man also locker zwei Fahrräder und hat noch genügend Geld für Ersatzteile für die kommenden Jahre übrig.

Beim Panasonic-Antrieb des Pedelec handelt es sich um einen bürstenlosen Mittelmotor. Ein Kraftsensor erkennt die Kraft des Fahrers auf das Pedal und verdoppelt diese in der Standard-Einstellung. Auf Wunsch kann man auch weniger (1:0,5) oder mehr (1:1,3) Unterstützung per Knopfdruck am Lenker erhalten.

Beide Räder verfügen über einen die ganze Kette umschließenden Schutz. Was beim Fahrrad noch ganz gut funktioniert, entpuppt sich beim Pedelec eher als störend. Beim Pedelec kommen nämlich neben dem vorderen Kettenblatt noch Antriebsritzel und Kettenspannrolle zum Einsatz. Das führt auf holprigem Untergrund zwangsläufig dazu, dass die Kette häufig gegen die Verkleidung stößt und so störende Geräusche verursacht.



Beleuchtung über Nabendynamo

Den nötigen Strom für die Beleuchtung liefert bei beiden Rädern ein Vorderraddynamo. Beim Pedelec könnte dies auch der Akku tun, was bei einigen anderen Modellen der Fall ist. Laut Straßenverkehrsordnung muss aber immer noch einen Dynamo für die Beleuchtung vorhanden sein. Ein Standlicht hinten ist bei beiden Rädern Serie, vorne verfügt komischerweise nur das Fahrrad über eine Standlichtfunktion.

Beim Gewicht können beide Räder nicht gerade glänzen, was auch an der gewählten soliden Ausstattung liegt. Das Testrad bringt mit einem 53er-Wave-Rahmen 19,4 Kilogramm auf die Wage, das Pedelec stolze 26,6 Kilogramm. Beide Räder fahren sich sehr angenehm. Das Gewicht ist gerade beim Anfahren deutlich spürbar.

Für den nötigen Ausgleich sorgt beim Pedelec die Motorkraft und ermöglichten einen beschwingten Start an der Ampel. Nur mit Motorkraft allein fahren Pedelecs übrigens nicht. Mittreten ist Pflicht.

Arbeitsweg als Teststrecke

Als Teststrecke muss ein 15 Kilometer langer Arbeitsweg herhalten, der größtenteils über Fahrradwege in der Berliner City führt. Hin und zurück sind also 30 Kilometer von einem Schreibtischtäter zurückzulegen, der nicht gerade mit einem guten Fitnessstand glänzen kann. Die Strecke wurde mit jeweils mit Pedelec und Fahrrad fünf Mal gefahren. Dabei wurden die 150 Fahrradkilometer doch als recht anstrengend empfunden. Die Fahrzeit für die einfache Strecke betrug zwischen 60 und 70 Minuten, was natürlich auch mit unterschiedlichen Wartezeiten an den Ampeln zusammenhängt.

Mit dem Pedelec ließ sich die Strecke deutlich angenehmer überwinden. Die Fahrzeit für eine Strecke lag zwischen 40 und 45 Minuten. Der Akku wurde jeweils nach einer Hin- und Rückfahrt (30 km) aufgeladen. Zwar war der Akku zu diesem Zeitpunkt nicht leer, doch einmal zugeschaltet will man natürlich auf die Motorkraft nicht mehr verzichten. Laut Herstellerangaben hat das Nachladen keinerlei negative Auswirkung auf die Lebensdauer des Akkus.

Kalkhoff gibt die Reichweite einer Akkuladung mit bis zu 80 Kilometern an. Die Hälfte ist in der Ebene in jedem Fall auch unter schlechten Bedingungen (Gegenwind, Fahrbahnbelag) drin. Bei 500 möglichen Ladezyklen (wobei als ein Ladezyklus die vollständige Entladung und Ladung zählt, Teilladungen werden nur zum Beispiel mit 0,7 Ladezyklen gewertet) könnte man so 20.000 Kilometer mit einem Akku zurücklegen. Die Anschaffung eines zweiten Akkus ist im Alltag also nicht erforderlich. Eine Akkuladung kostet etwa fünf bis sechs Cent.

Fazit

Das Pedelec verkürzt die Fahrzeit und erhöht somit die Reichweite, die man bereit ist zurückzulegen. Die Anschaffungskosten sind hoch und sprechen gegen das Pedelec. Für kurze Fahrwege von zwei oder drei Kilometern reicht das Fahrrad völlig aus. Wer regelmäßig längere Strecken zurücklegen muss und diese mit dem Fahrrad als zu anstrengend oder zu weit empfunden hat, sollte eine Testfahrt mit dem Pedelec riskieren. Ist man erst mal infiziert, kommt man davon nicht mehr los. Das Pedelec eröffnet Möglichkeiten, Strecken mit dem Zweirad zurückzulegen, wo man in der Vergangenheit das Auto bemüht hat – das zu einem wesentlich günstigeren Preis und umweltschonender.

Quelle: n-tv.de