Ratgeber

Wohin mit Griechenland, Herr Riße? "Tsipras' Weg ist hier zu Ende"

Bleibt in jedem Fall ein Teil der EU - Griechenland.

Griechenland: Raus aus dem Euro aber weiterhin in der EU?

(Foto: Axel Witte)

Die Griechen halten Europa in Atem. Und müssen selbst leiden – zumindest die meisten. Ob es einen Ausweg aus der Misere gibt, wo die Fehler liegen und wie sich Anleger positionieren sollten, verrät der Finanzexperte, Buchautor und Fondsmanager Stefan Riße.

n-tv.de: War es das für Griechenland?

Stefan Riße: Nicht zwingend. Die EZB hat durch die Deckelung der Hilfskredite an die Banken, die sogenannten ELA-Kredite, Griechenland gezwungen Kapitalverkehrskontrollen einzuführen. Damit wurden dem griechischen Volk mal die Folterinstrumente vorgeführt – nämlich gezeigt was es bedeutet, wenn aus dem Geldautomaten kein Geld mehr kommt. Ich denke, dass sich die Griechen mit einer knappen Mehrheit für die Reformen entscheiden werden. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst davor, was ansonsten auf sie zukommt.

Dann würde Hellas im Euro bleiben?

Ich glaube, sie werden irgendeinen Kompromiss aushandeln, da ja auch die anderen Länder Europas das eigentlich wollen. Irgendwie wird man das Thema noch retten – ob damit tatsächlich Griechenland gerettet wird, oder ob dies später wieder auf den Tisch kommt, das vermag ich nicht zu sagen. Halte dies aber für sehr gut möglich. 

Wird dieser Kompromiss dann noch mit Tsipras ausgehandelt?

Ich denke, dass Tsipras' politische Karriere hier irgendwo ihr Ende findet wird. Er hat das, was er seinem Wahlvolk versprochen hat, nicht halten können. Er ist völlig aufgelaufen bei den europäischen Partnern und hat sich dabei unglaublich ungeschickt angestellt. Dafür wird er am Ende die Zeche zahlen müssen.

Was wäre denn ökonomisch sinnvoll?

Die Beantwortung dieser Frage ist wirklich nicht einfach. Jeder Experte der meint da eine klare Meinung abgeben zu können, der macht es sich zu leicht. Wenn das Land die Eurozone verlassen müssten, würde das einen unglaublichen Wohlstandsverlust bedeuten. Andererseits hätten sie ohne Euro eine höhere Wettbewerbsfähigkeit. Die Griechen sind einfach viel zu teuer, als dass sie mit ihrer Produktion attraktiv für Europa wären. Der Weg dahin, der ist ein schwerer.

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Stefan Riße ist Buchautor, Finanzexperte und Fondsmanager.

Einen Königsweg gibt es also nicht?

Nein. Der Fehler ist entstanden als der Euro eingeführt wurde. Generell und im besonderen als Länder wie Griechenland aufgenommen wurden. Man kommt rein in die Union aber das Raus ist sehr, sehr schwer.

Wäre ein möglicher Austritt zu verkraften?

Ja, da 85 Prozent der Schulden mittlerweile in den öffentlichen Händen bei EZB, IWF und Rettungsschirm liegen.

Was denken Sie persönlich?

Griechenlands größtes Problem ist nicht der Euro, sondern dass das Land keine funktionierenden Verwaltungsstrukturen hat, insbesondere das Steuersystem. Ich verstehe auch nicht, warum eine linke Regierung da nicht rangegangen ist. Die Griechen sollen die zweitgrößte Gruppe der Immobilienbesitzer in London bilden. Diese Leute haben auch Milliarden in der Schweiz. Das Geld müsste sich eine Regierung holen, dann wäre sie auch glaubwürdiger. Ungeachtet dessen, halte ich die Sparpolitik, die von Deutschland ausgeht, grundsätzlich übertrieben für Europa. Hier hätte ich mir mehr den US-amerikanischen Weg gewünscht. Bei Griechenland muss man aber im Moment davon ausgehen, dass das Geld in irgendwelchen Beamtenapparaten versickert.

Wie sollten sich Anleger positionieren?

Den langfristigen Weg der Aktie auf den Weg nach oben wird das Griechenland-Thema nicht beeinflussen. Anleger die längerfristig investieren müssen der Sache gar nicht so viel Beachtung schenken. Darüber hinaus gehe ich noch immer von einer deutlich steigenden Inflation aus – dies wird das Resultat dieser Gelddruck-Politik sein. Dabei bleibe ich. Der weltgrößte Anleiheverwalter, Pimco, rechnet mittlerweile auch mit einem Inflationssprung in den USA. Desweiteren sehe ich für das zweite Halbjahr für Gold eine Renaissance.

Und der Anleihenmarkt?

Solange die EZB kauft und die Liquidität so hoch ist, glaube ich nicht an ein Platzen der sogenannten "Anleihenblase". Die platzt erst, wenn die Geldpolitik restriktiver wird.

Mit Stefan Riße sprach Axel Witte

Quelle: ntv.de