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Nicht alle profitieren vom Boom Welche Kassen die Kunden verlassen

"Wir wollen Sie so, wie Sie sind", wirbt die AOK Nordost um neue Kunden. Geholfen hat es bislang aber wenig, über 11.000 Mitglieder hat die Krankenkasse seit Jahresbeginn verloren. Es gibt aber auch Anbieter, die können sich vor Neu-Mitgliedern derzeit kaum retten.

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Mitte der 1990er Jahre gab es noch mehr als 1000 Krankenkassen in Deutschland. Inzwischen sind es noch etwas über 100.

(Foto: dpa)

Früherkennung, Reha oder Krankengeld - die meisten Leistungen in der gesetzlichen Krankenversicherung sind festgelegt, genauso wie der Beitragssatz von aktuell 15,5 Prozent. Trotzdem ist es nicht völlig egal, bei welcher Kasse man sich versichert. Denn im Detail gibt es durchaus Unterschiede, nicht nur beim Leistungsspektrum, sondern auch beim Service. Am meisten trauen die Kunden in dieser Hinsicht offenbar der Techniker Krankenkasse (TK) zu, zwischen Jahresbeginn und Anfang Oktober konnte sie fast 283.000 neue Mitglieder begrüßen. Das berichtet das "Versicherungsjournal" unter Berufung auf einen Bericht des gesundheitspolitischen Hintergrunddienstes Dfg (Dienst für Gesellschaftspolitik).

Anders als die privaten Versicherer können sich die gesetzlichen Kassen über mangelnden Zulauf nicht beklagen: Seit Anfang des Jahres sind – der guten Konjunktur sei Dank - über eine halbe Million Mitglieder hinzugekommen, die Abgänge sind da schon mit eingerechnet. Doch nicht alle Kassen können davon profitieren. Größter Verlierer war in diesem Jahr die DAK-Gesundheit. Die Riesenkasse ist im Januar 2012 aus der Fusion zwischen der Deutschen Angestellten Krankenkasse und der BKK Gesundheit hervorgegangen - eine Allianz, die aus der Not heraus geboren wurde. Auch wenn die Kasse in diesem Jahr keinen Zusatzbeitrag erhebt, hatte sie im Oktober rund 31.000 Mitglieder weniger als im Januar. Doch es scheint Hoffnung zu geben, zuletzt habe sich der Trend ins Positive umgekehrt, so das "Versicherungsjournal"

Die AOK Nordost wirbt zwar von vielen Plakatwänden "Wir wollen Sie so, wie Sie sind", doch offenbar wollen nicht so viele Versicherte zur AOK, so wie sie ist. In den ersten drei Quartalen hat die Gesundheitskasse für Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern jedenfalls über 11.000 Mitglieder verloren. Deutlichen Schwund gab es auch bei der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG), der AOK Sachsen-Anhalt und der BKK vor Ort, denen zwischen knapp 7000 und über 5000 Mitglieder abhanden gekommen sind.

Ansturm auf die Techniker

Deutlich höher als die Abwanderung bei den Verliererkassen fiel das Plus bei den Profiteuren aus. Nicht nur die Techniker Krankenkasse durfte sich über Zuwachs freuen. Gut stehen mit rund 45.000 bzw. 36.000 Neu-Mitgliedern auch die Barmer GEK und die AOK Bayern da. Insgesamt finden sich in der Top-Ten-Liste gleich sechs der größten Krankenkassen, darunter drei AOKen und zwei IKKen. "Ein Teil der Bevölkerung scheint bei der Wahl der Krankenversicherung auf das Argument 'Sicherheit' zu setzen, das die Kassen-Tanker ausstrahlen", zitiert das Versicherungsjournal den Dfg.

Bisher hat es zwei Krankenkassenpleiten gegeben: 2011 machte zunächst die City BKK dicht, der wegen des Zusatzbeitrags die Mitglieder in Scharen weggelaufen waren. Zum 1. Januar 2012 folgte die BKK für Heilberufe. Wahrscheinlicher als eine Pleite ist aber, dass Kassen im Zuge einer Fusion vom Markt verschwinden. Allein seit dem Jahr 2011 hat es 16 solcher Zusammenschlüsse gegeben. Was wirtschaftlich sinnvoll ist, kommt bei den Versicherten offenbar nicht immer gut an: Viele der Kassen mit hohem Mitgliederschwund sind in den letzten Jahren aus Fusionen hervorgegangen. Die SVLFG und die DAK-Gesundheit etwa existieren in ihrer jetzigen Form erst seit Anfang 2013.

Inwiefern sich die Mitglieder auch vom Leistungsspektrum der jeweiligen Kassen beeinflussen lassen, ist unklar. Die DAK-Gesundheit etwa steht in vielen Punkten nicht schlechter da als die beliebtere Konkurrenz. Der Zustrom zur Techniker Krankenkasse lässt sich womöglich tatsächlich auch durch überdurchschnittlich vielseitige Zusatzangebote erklären. Homöopathische Behandlungen sind nicht unbedingt Standard und auch sportmedizinische Untersuchungen oder umfassende Impfpakete gehen über das übliche Maß hinaus. Im kommenden Jahr gibt es zudem eine Prämie von 80 Euro für alle Mitglieder. Und das sind inzwischen eine ganze Menge: Bis zum Jahreswechsel könnte die Techniker den Titel der mitgliederstärksten Krankenkasse von der Barmer GEK übernehmen. 

Beitrag wird wieder flexibler   

Ab dem Jahr 2015 dürfte der Markt noch weiter in Bewegung geraten. In den Koalitionsverhandlungen haben sich CDU, CSU und SPD darauf geeinigt, den Kassen wieder mehr Spielraum bei der Beitragsgestaltung zuzugestehen. Verbindlich vorgeschrieben ist demnach die Untergrenze von 14,6 Prozent, darüber hinaus können die Kassen einen Zusatzbeitrag verlangen - nicht wie bisher als Pauschale, sondern prozentual vom Einkommen. Prämienerstattungen, wie sie jetzt etwa die TK gewährt, sind damit ausgeschlossen.

Wer die Krankenkasse wechseln will, kann das übrigens jederzeit tun – vorausgesetzt, er war vorher mindestens 18 Monate lang bei dem Anbieter versichert. Die Kündigungsfrist beträgt zwei Monate zum Monatsende. Führt die Krankenkasse einen Zusatzbeitrag ein oder streicht angekündigte Prämien, ist auch eine außerordentliche Kündigung möglich. 

Quelle: n-tv.de, ino

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