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Baden-Württemberg Narren feiern "Schmotzigen Dunschtig": Gedanken an Hanau

Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg (Grüne), spricht vor Beginn der Narrengerichtsverhandlung. Foto: Patrick Seeger/dpa

(Foto: Patrick Seeger/dpa)

Im Südwesten sind die Narren in die heiße Phase der Fastnacht gestartet - eigentlich ein Tag voller Ausgelassenheit, auf den sich die Zünfte seit Wochen freuen. Aber wie feiert man, wenn anderswo großes Leid geschehen ist?

Konstanz (dpa/lsw) - Im Südwesten sind wieder die Narren los - der Start in die heiße Phase der Fastnacht am Donnerstag war aber nicht so unbeschwert wie sonst. "Ein Auge ist mit Tränen gefüllt", sagte der Präsident der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN), Roland Wehrle, mit Blick auf die Gewalttat im hessischen Hanau mit elf Toten. "Man denkt sich: Das kann doch alles nicht wahr sein? Wie können Leute in dieser Art und Weise Andere zu Schaden kommen lassen?" Narren seien Menschen mit viel Mitgefühl. "Wir wollen einfach sagen: Wir vergessen das nicht und tragen es im Herzen mit uns."

In Mannheim wurde angesichts des mutmaßlich rechtsradikalen und rassistischen Anschlags ein für den Nachmittag geplanter Prinzessinnenempfang im Rathaus abgesagt. "Wir sind erschüttert über den feigen Anschlag in Hanau", teilte die Stadt mit. "Wir trauern um die Opfer. Unsere Gedanken sind bei ihren Angehörigen."

Der "Schmotzige Dunschtig" ist eigentlich ein Tag der Ausgelassenheit - und einer der Höhepunkte der schwäbisch-alemannischen Fastnacht. Mit viel Lärm und lauter Musik war der Tag in vielen Hochburgen im Land schon früh los gegangen: In Konstanz zogen die "Blätzlebuebe" und weitere Gruppen bereits um 6.00 Uhr durch die Gassen, um die Anwohner zu wecken. Der Tag sei ein ganz besonderer, sagte einer der Narrenräte am frühen Morgen. "Das ist die fünfte Jahreszeit und die zelebrieren wir in Konstanz - schon seit Jahrhunderten."

In vielen Gemeinden werden zudem Schüler aus dem Unterricht befreit und Rathäuser gestürmt. Die Bürgermeister müssen dann symbolisch ihre Schlüssel herausrücken und erhalten ihn erst am Aschermittwoch wieder - bis dahin haben die Narren das Sagen.

Der Ausdruck "Schmotziger" hat übrigens mit Dreck nichts zu tun: Er stammt vom alemannischen Wort für Fett oder Schmalz ("Schmotz"). "An diesem Tag ist der Anfang des Verzehrens fetter Fastnachtsspeisen und Steigerung anderer Lustbarkeiten", heißt es dazu beispielsweise im VSAN-Glossar.

In Stockach wurde es dagegen am Abend närrisch ernst: Vor dem "Narrengericht" wurde in diesem Jahr der Grünen-Politiker Cem Özdemir zu einer Strafe von drei Eimern Wein verurteilt. Das mehr als 600 Jahre alte "Hohe Grobgünstige Narrengericht zu Stocken" gehört zu den Höhepunkten der schwäbisch-alemannischen Fastnacht im Südwesten. Auf der Anklagebank der Institution saßen bereits Franz Josef Strauß (CSU) und Angela Merkel (CDU). Doch die Ereignisse in Hanau hatten auch die Veranstaltung der Fastnachts-Richter überschattet. Özdemir und der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der als Zeuge geladen war, zeigten sich tief bestürzt über die Geschehnisse.

Solche Taten seien ein Anschlag auf den inneren Frieden, der Voraussetzung für eine freie und offene Gesellschaft sei, sagte Kretschmann (Grüne) in einer Ansprache zu Beginn der närrischen Veranstaltung. Das Narrengericht feiere an diesem Abend das Fest eines solchen inneren Friedens. "Das soll ein Signal gegen genau solche Taten sein." Özdemir sagte, er verneige sich vor den Opfern von Hanau und ihren Angehörigen. "Ihnen gilt mein Mitgefühl. Hass, Fanatismus und Rechtsradikalismus haben bei uns im Land keinen Platz." Er feiere dennoch an diesem Abend Fastnacht, weil solche Täter "unser Land ins Chaos stürzen wollen und das werden wir gemeinsam nicht zulassen."

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