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BayernBürgerentscheid - Giesinger drängt auf die Wiesn

20.02.2026, 15:46 Uhr
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Seit Ewigkeiten galt auf der Wiesn: Sechs Münchner Biere gibt es dort - und kein einziges mehr. Doch die Bier-Frage wird nun zum Politikum. Eine Brauerei plant die Revolution.

München (dpa/lby) - Die Münchner Brauerei Giesinger Bräu will 2027 auf die Wiesn und startet darum ein Bürgerbegehren. Ziel ist es, einen Bürgerentscheid über die Zulassung der Brauerei zum Münchner Oktoberfest zu erzwingen. Das wäre nicht weniger als eine Revolution. Seit Ewigkeiten sind dort nur sechs Brauereien zugelassen: Augustiner, Hacker Pschorr, Hofbräu, Löwenbräu, Paulaner und Spaten. Die Konkurrenz aus Giesing will das ändern. Aus Sicht des Wiesn-Chefs braucht es dafür lediglich einen Antrag.

"Wir sind eine Münchner Brauerei – mit eigenem Tiefbrunnen, mit dem Siegel "Münchner Bier" und mit klarer Verwurzelung in dieser Stadt", betont Brauereigründer Steffen Marx. "Wenn auf der Wiesn ausschließlich Münchner Bier ausgeschenkt wird, dann sollte die Frage erlaubt sein, warum eine Münchner Brauerei dort nicht vertreten sein darf. Genau darüber sollen die Bürgerinnen und Bürger entscheiden."

Marx: "Denke, das sollten wir hinbekommen"

Zwischen 30.000 und 40.000 Stimmen würden dafür benötigt, sagte der Brauereichef bei der Eröffnung seines Starkbierfestes. "Ich denke, das sollten wir hinbekommen."

Die Frage beim Bürgerentscheid lautet nach Angaben der Brauerei: "Bist Du dafür, dass die Landeshauptstadt München ab 2027 auch den Ausschank von Bier der Brauerei Giesinger Bräu auf dem Münchner Oktoberfest erlaubt?"

Marx setzt in dieser Sache schon seit geraumer Zeit auf Angriff. Seit einigen Jahren darf seine Brauerei ihr Produkt dank eines Tiefbrunnens in der Landeshauptstadt Münchner Bier nennen - als siebte Marke. Seither will Giesinger auch ein Stück abhaben vom großen Wiesn-Kuchen. Schon lange beklagt Marx, dass er in der Stadtpolitik einfach nicht weiter kommt.

Stadtratsbeschluss müsste her

Damit eine weitere Brauerei auf dem Oktoberfest zugelassen werden darf, ist ein entsprechender Stadtratsbeschluss nötig. In den Betriebsvorschriften für die Wiesn heißt es unter Paragraf 51: "Das Oktoberfest ist das traditionelle Münchner Volksfest mit Münchner Gastlichkeit und Münchner Bier. Diese Tradition gilt es weiter zu wahren. An Wiesnbesucher darf deshalb nur Münchner Bier der leistungsfähigen und bewährten Münchner Traditionsbrauereien (das sind derzeit: Augustinerbrauerei, Hacker-Pschorr-Brauerei, Löwenbrauerei, Paulanerbrauerei, Spatenbrauerei und Staatliches Hofbräuhaus), das dem Münchner Reinheitsgebot von 1487 und dem Deutschen Reinheitsgebot von 1906 entspricht, ausgeschenkt werden."

"Es geht nicht um Konfrontation, sondern um Fairness und um die Frage, wie sich Tradition weiterentwickeln darf", sagt Jonas Seidl, Geschäftsführer von Giesinger Bräu. "Die Wiesn ist Münchner Identität. Deshalb sollte die Münchner Stadtgesellschaft auch mitentscheiden dürfen, ob neben den bisherigen Brauereien künftig eine weitere Münchner Brauerei zugelassen wird."

Wiesn-Chef: "Einfach mal einen Antrag stellen"

Wiesn-Chef und Wirtschaftsreferent Christian Scharpf kann den von Giesinger angestrebten Weg über einen Bürgerentscheid nicht nachvollziehen. Schließlich könne die Brauerei "einfach mal einen Antrag stellen, wie ihn jeder andere Wiesn-Beschicker auch stellt", schreibt er in einem Statement. Die Stadt könne diesen prüfen und bewerten, jedoch sei bis dato kein solcher Antrag von Giesinger Bräu eingegangen. "Deswegen ist es schon etwas befremdlich, ein Bürgerbegehren anstreben zu wollen, ohne es vorher überhaupt einmal mit dem gängigen Verfahren probiert zu haben, dem sich alle anderen auch stellen."

Scharpf verweist auf das in Paragraf 51 der Betriebsvorschriften enthaltene Wort "derzeit": Diese Formulierung zeige, "dass die genannten sechs Brauereien nicht abschließend sind. Eine Brauerei, die zugelassen werden möchte, muss lediglich diese Bedingungen erfüllen, und dies ist auch für neue Brauereien möglich".

Letztlich gehe es darum, dass die Beschicker die Wiesn organisatorisch, logistisch und kapazitätsmäßig stemmen könnten. "Das Oktoberfest findet international Beachtung, weshalb es sich nicht als Experimentierfeld eignet", so Scharpf. Er habe die Vertreter von Giesinger Bräu gefragt, warum sie in den vergangenen Jahren nicht kleinere Volksfeste oder Veranstaltungen in der Stadt und der Region bespielt hätten, "um so Erfahrungen zu sammeln und allen zu zeigen, dass sie es drauf haben. Außer dem eigenen Starkbierfest konnte ich solche Bemühungen bislang leider nicht feststellen".

Ex-Wiesn-Chef mit 180-Grad-Drehung

Der frühere Münchner Wirtschaftsreferent und Wiesn-Chef sowie aktuelle CSU-Bürgermeisterkandidat, Clemens Baumgärtner, galt stets als Kritiker eines weiteren Bieres auf der Wiesn. Die Gefahr sei bei jeder Änderung der Jahrhunderte alten Tradition, "dass die Wiesn ihr Gesicht verliert", sagte er noch vor einem Jahr, als die Giesinger Brauerei zum ersten Mal ihr eigenes Starkbierfest veranstaltete. "Ich sehe die Gefahr nicht beim Giesinger, ich sehe die Gefahr generell." Will heißen: Fällt eine Hürde, könnten - so befürchtete er - auch andere Brauereien auf das größte Volksfest der Welt drängen. Tatsächlich steht mit der Münchner Kindl-Brauerei, die in diesem Jahr große Eröffnung feiern will, ein achtes Münchner Bier in den Startlöchern.

Inzwischen scheint Baumgärtner seine Meinung zum Giesinger Bräu allerdings geändert zu haben. Heuer ist sogar er es, der das erste Fass beim Starkbierfest ansticht und dabei ankündigt: "Schauen wir mal, dass wir’s vielleicht mit den Schwarzen hinkriegen." In sechs Jahren mit den Grünen habe es ja nicht geklappt - und das, obwohl die Partei die Zulassung neuer Münchner Brauereien zur Wiesn sogar in ihr Wahlprogramm geschrieben hat.

Bei den bayerischen Kommunalwahlen am 8. März wird der Münchner Stadtrat neu gewählt. Die OB-Kandidaten der amtierenden Koalition, Amtsinhaber Dieter Reiter (SPD) und Grünen-Kandidat Dominik Krause, waren zwar als Gäste angekündigt, schickten zum Anstich aber Vertreter. Auch diese unterschrieben - wie Baumgärtner - den Bürgerentscheid als einige der Ersten.

Quelle: dpa

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