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Berlin & Brandenburg 15 000 trotz Corona bei Demo gegen Rassismus in Berlin

Teilnehmer einer Kundgebung auf dem Alexanderplatz protestieren gegen Rassismus und Polizeigewalt. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

(Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa)

Der Alexanderplatz trägt Schwarz: Tausende demonstrieren nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd auch in Berlin gegen Rassismus und Polizeigewalt. Dabei wird nicht nur gegen die Corona-Regeln verstoßen.

Berlin (dpa/bb) - Es war ein außergewöhnliches und starkes Signal gegen Rassismus und Polizeigewalt: Die Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz mit 15 000 zumeist dunkel gekleideten Teilnehmern am Samstag hat aber auch für erneute Appelle gesorgt, die Corona-Regelungen einzuhalten. Flaschen- und Steinwürfe auf Passanten und Polizisten nach dem Ende der Versammlung überschatteten die ansonsten weitgehend friedliche Demonstration im Herzen der Hauptstadt.

Bei insgesamt 15 Versammlungen in der Innenstadt gab es laut Polizei 93 Festnahmen, davon allein 84 am Alex, wie eine Sprecherin am Sonntag sagte. 72 davon erfolgten nach dem Ende der Demonstration, die aufgrund der unerwartet hohen Teilnehmerzahl vorzeitig beendet wurde. Von den Veranstaltern war mit 1500 Teilnehmern gerechnet worden. Die Polizei rief dazu auf, die Corona-Regeln einzuhalten und auf angrenzende Straßen auszuweichen. Das wurde von vielen Demonstranten nicht eingehalten.

Viele der Demonstranten hatten sich aus Respekt vor Floyds Hautfarbe und als Ausdruck von Trauer dunkel gekleidet. Man wolle still und schweigend ("silent") an den seinen Tod erinnern, hieß es im Vorfeld. Auf Plakaten, die vielfach in Englisch verfasst waren, war neben dem Motto "Black Lives Matter" (Schwarze Leben zählen) unter anderem zu lesen: "Rassismus tötet", "Rassismus ist eine Pandemie", "Wir können nicht schweigen" und "Keine Gerechtigkeit, kein Frieden" (No justice, no peace).

Demonstranten, darunter viele Jugendliche, setzten sich auf den Boden und schwiegen für 8 Minuten und 46 Sekunden - so lange, wie George Floyd Ende Mai in Minneapolis von einem weißen Polizisten mit dem Knie am Hals zu Boden gedrückt wurde. Nach dem brutalen Polizeieinsatz war Floyd tot. Daraufhin kam es zu Protesten und teilweise auch Ausschreitungen in mehreren Städten der USA.

Nach Gesängen und einigen Reden, in denen vor allem Rassismus und Polizeigewalt angeprangert und des Todes Floyds gedacht wurden, skandierte die Menge: "Black Lives Matter" und "No justice, no peace". Kurz nach 16.00 Uhr löste sich die Versammlung auf.

Am Rande der Versammlung verschafften sich laut Polizei Menschen Zugang zu mehreren nahe gelegen Dächern. Sie wurden zum Verlassen aufgefordert. Einige leisteten Widerstand. Auch auf U-Bahn-Eingängen und Straßenbahnhäuschen saßen nach Augenzeugenberichten Leute. Auch in weiteren deutschen Städten kamen Tausende zu "silent demos" (stille Demonstrationen) zusammen.

Etwa eine Stunde nach dem Ende der Demo versammelten sich laut Polizei mehrere Hundert Personen zwischen dem Bahnhof Alexanderplatz und dem Berolinahaus. Nachdem ein Mann wegen der Beschädigung eines Polizeiwagens festgenommen wurde, flogen Steine und Flaschen aus der Menge heraus auf Passanten und Polizisten. Mehrere Einsatzkräfte und ein freier Fotograf wurden verletzt.

Berlins CDU-Fraktionschef Burkard Dregger sprach von menschenverachtendem Hass. Die Gewalt sei durch nichts zu rechtfertigen. In sozialen Medien entspann sich eine Debatte um den Polizeieinsatz und die Coronaregeln.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) forderte nach der Demonstrationen zu mehr Verantwortung aller auf. "In der Pandemie haben sowohl die Veranstalter als auch die Teilnehmenden eine hohe Verantwortung. Man kann auch mit Abstand demonstrieren und dabei Mund-Nasen-Bedeckung tragen, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Das Demonstrationsrecht sei ein hohes Gut in unserer Demokratie, aber auch die Gesundheit der Menschen.

Innensenator Andreas Geisel (SPD) hat die Entscheidung verteidigt, die Teilnehmerzahl bei Demonstrationen unter freiem Himmel in der Hauptstadt nicht mehr zu begrenzen. Zugleich appellierte aber auch er, das Abstandsgebot einzuhalten.

Wie bereits in der vergangenen Woche sei die durch den Anmelder erwartete Zahl der Teilnehmenden um ein Vielfaches übertroffen worden. "Das macht es für die Polizei in solchen Situationen zusätzlich schwer", sagte Geisel. Vor einer Woche hatte eine bunte Party mit Hunderten Schlauchbooten mitten in der Corona-Krise bundesweit für Aufsehen gesorgt. Damit sollten die Berliner Clubs unterstützt werden, die um ihre Existenz bangen.

Insgesamt waren für Samstag in Berlin 32 verschiedene Versammlungen geplant, 15 davon wurden in der Innenstadt abgehalten. Die Polizei war mit rund 800 Beamten im Einsatz. 28 wurden laut Polizei verletzt, drei davon beendeten ihren Dienst.

Die Proteste richteten sich unter anderen gegen die Corona-Maßnahmen, etwa auf der Straße des 17. Juni. Die Initiative "Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus" warnte vorab vor Aufrufen von Gruppen aus dem "verschwörungsideologischen Milieu". Ein rechtsgerichteter Aufmarsch einer Gruppe namens "Patriotic Opposition Europe" startete am Brandenburger Tor und wollte durch das Regierungsviertel ziehen. Eine Demonstration gegen Rechts in Form eines Fahrradkorsos war für die Gegend am Rosa-Luxemburg-Platz angekündigt.

Ein Autokorso mit dem für seine veganen Rezepte bekannten Koch Attila Hildmann, der zuletzt mit Verschwörungsideologien- und Theorien auffiel, fuhr vom Olympiastadion zum Lustgarten - mit rund 60 Fahrzeugen, in denen etwa 100 Menschen saßen, wie eine Polizeisprecherin sagte. Störungen waren zunächst nicht bekannt. Nach Angaben von Augenzeugen hingen Deutschlandflaggen an manchen Wagen. Auf einem Plakat stand die Aufschrift "Freiheit statt Angst".

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