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Berlin & Brandenburg Senatorin Busse mit neuer Strategie gegen Lehrkräftemangel

Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD).

(Foto: Annette Riedl/dpa/Archivbild)

Für Berlins Schulen werden händeringend Lehrkräfte gesucht. Da die erwartete Personallücke absehbar nicht kleiner, sondern größer wird, will die Bildungssenatorin nun neue Wege gehen. Regierungschefin Giffey stützt sie dabei.

Berlin (dpa/bb) - Berlins Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse will dem Lehrkräftemangel mit einem neuen Steuerungsmechanismus entgegenwirken. Geplant sei, Lehrerinnen und Lehrer gezielter nach dem tatsächlichen Bedarf auf Bezirke, Stadtteile und Schulen zu verteilen, kündigte die SPD-Politikerin am Dienstag an. So soll verhindert werden, dass Schulen in manchen Stadtteilen quasi zu viel Personal haben und andere - nicht zuletzt in sozialen Brennpunkten - an extremem Personalmangel leiden.

Nach Angaben Busses dürften im nächsten Schuljahr 2022/2023 nach aktuellen Prognosen Lehrkräfte für 920 Vollzeitstellen an Berliner Schulen fehlen - und damit etwa 50 Prozent mehr als vor Jahresfrist. Zum Vergleich: Insgesamt arbeiten an Berliner Schulen rund 34.000 Lehrkräfte, der Einstellungsbedarf für das nächste Schuljahr beträgt 2645 Vollzeitstellen.

Die Senatorin unterstrich, dass der sogenannte Regelunterricht laut Lehrplan durch die größer werdende Personallücke nicht in Gefahr sei, weil immer noch genügend Lehrerinnen und Lehrer da seien. "Wir wollen aber alles tun, um die Lücke zu schließen." Dazu seien unter anderem eine klarere Steuerung der Lehrkräfteversorgung, mehr Verlässlichkeit und mehr Verteilungsgerechtigkeit nötig.

Erreicht werden soll das laut Bildungsverwaltung vor allem durch eine gleichmäßigere Verteilung derjenigen Lehrkräfte über die Stadt, die neu anfangen. In manchen Fällen könne es zudem nötig werden, dass gut ausgestattete Schulen auch Lehrerinnen und Lehrer abgeben müssten, zumindest zeitweise. Das solle aber behutsam und auf freiwilliger Basis geschehen.

Busse nannte noch weitere "Puzzleteile" im Ringen um mehr Personal für Schulen. Große Hoffnungen setzt sie auf die Verbeamtung von Lehrkräften, in die Berlin ab dem neuen Schuljahr wieder einsteigt. Außerdem sollen mehr Berufe für Stellen in sogenannten multiprofessionellen Teams an den Schulen zugelassen werden. Dazu zählen Logopäden, Ergo- oder Musiktherapeuten.

Lehrkräfte in Teilzeit sollen sofort wieder aufstocken können, wenn sie das wünschen. Bisher sind dazu acht Monate Vorlauf nötig. Nachwuchs soll auch über frühzeitige Arbeitsmöglichkeiten an Schulen und Einstellungsgarantien für Lehramtsstudierende gesichert werden.

Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey nahm im Anschluss an die Senatssitzung ausführlich Stellung zur Situation an den Berliner Schulen. Die SPD-Politikerin räumte ein, dass der Lehrkräftemangel nicht verschwinden werde: "In den kommenden Jahren haben wir mehr Lehrer, die in den Ruhestand gehen, als junge nachkommen", sagte sie.

Bei der Ausbildung von Lehrern gebe es eine demografische Lücke. "Es gehen weniger ins Studium hinein, als wir tatsächlich brauchen." Die Aufgabe sei, einerseits mit diesem Mangel umzugehen und andererseits zu gucken, wo es Potenziale gebe.

Schon im Schuljahr 2021/22 habe es eine Lücke von 613 fehlenden Lehrkräften gegeben. Die Zahl sei in den vergangenen Jahren regelmäßig angewachsen. "Immer mit derselben Begründung demografischer Wandel", sagte Giffey. Natürlich habe es auch Abwanderungen gegeben. "Letztes Jahr haben wir 700 Lehrerinnen und Lehrer verloren, die in andere Bundesländer gegangen sind, weil sie dort verbeamtet worden sind." Deshalb habe Berlin auch beschlossen, zur Verbeamtung zurückzukehren.

Zur Kritik an Busse und Medienberichten über einen möglichen Wechsel im Bildungsressort sagte Giffey: "Es gibt überhaupt keinen Anlass, über irgendwelche Rücktrittsszenarien zu sprechen." Es sei schön, dass sie mit diesen Gerüchten ein für allemal aufräumen könne. "Ich möchte das hier klarstellen: Das ist nicht Thema in dieser Landesregierung", sagte Giffey. "Meine Unterstützung gilt der Bildungssenatorin."

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) erklärte, die Ankündigungen der Senatorin seien eine Bankrotterklärung für die jahrzehntelange Personalpolitik der Bildungsverwaltung. Nötig sei eine Ausbildungsoffensive. "Wir wären heute in einer deutlich besseren Lage, wenn der Senat seine Vereinbarung aus 2016 ernsthaft verfolgt hätte, an den Berliner Universitäten ab 2022 jährlich 2000 Lehrkräfte zum Abschluss zu bringen", erklärte die GEW-Landesvorsitzende Martina Regulin. Das Vorhaben sei grandios gescheitert. "Berliner Unis bilden weniger als ein Drittel des Lehrkräftebedarfs aus." Jetzt könnten auch Quereinsteiger die Lücke nicht mehr füllen.

Berlins Schulen leiden - wie in anderen Bundesländern auch - seit Jahren an Personalmangel. In der Hauptstadt ist das Problem besonders ausgeprägt, weil die Bevölkerungszahl weiter wächst. Um den Mangel auszugleichen, werden als sogenannte Quereinsteiger immer mehr Lehrkräfte ohne Lehramtsstudium eingestellt, die ihre Hochschulabschlüsse in anderen Bereichen erworben haben.

Die Bildungsverwaltung trat dem GEW-Vorwurf entgegen, Berlin tue zu wenig für die Ausbildung von Lehrkräften. Berlins Hochschulen hätten in den letzten Jahren in dem Bereich zwischen 30 und 50 Prozent mehr Studienplätze zur Verfügung gestellt, hieß es aus dem Referat Lehrkräftebildung. Auch werde durch diverse Maßnahmen versucht, die Zahl der vorzeitigen Abgänge während des Studiums zu reduzieren. Vieles helfe indes nicht kurzfristig, sondern greife erst mittelfristig.

Quelle: dpa

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