Hamburg & Schleswig-HolsteinÄlter als die USA: Handwerksbetrieb feiert 300. Geburtstag

Er gilt als der älteste Handwerksbetrieb Hamburgs: D.H.W. Schulz & Sohn wird Ende Mai 300 Jahre alt: Eine Gelegenheit auf die Lage der Branche, KI, Konjunktur und Fachkräftemangel zu schauen.
Hamburg (dpa/lno) - Mitten in der Produktionshalle – zwischen Werkzeugen und Kupferblechen – hängt bereits ein großes Banner mit der Aufschrift "D.H.W. Schultz & Sohn – 300 Jahre". Am 24. Mai feiert der Betrieb mit dem etwas sperrigen Namen sein 300. Jubiläum. "Wir sind älter als die Vereinigten Staaten", sagt Isabel Matthiessen, Geschäftsführerin des Betriebs im Hamburg-Eimsbüttel und lacht. Zur Feier am 3. Juni seien 400 Gäste eingeladen.
1726 wurde der Betrieb gegründet, der sich auf Dachdeckerei, Heizungs- und Sanitärinstallation, sowie Blitz- und Brandschutz spezialisiert hat. Damit gilt er als ältester Handwerksbetrieb Hamburgs. Das Wirtschaftsarchiv hält das für sehr wahrscheinlich. Laut Handwerkskammer gibt es nur eine Handvoll Handwerksbetriebe in der Hansestadt, die über 100 Jahre alt sind.
Zurzeit arbeiten 50 Menschen bei D.H.W. Schultz und Sohn – vier sind in Ausbildung. "Mit Fachkräftemangel haben wir hier kein Problem", sagt Matthiessen. Das liege unter anderem daran, dass die Arbeitszeiten in ihrem Betrieb sehr flexibel seien. Sie sei keine, die nachgucke, ob jemand seine 39 Stunden arbeitet oder nur 35 Stunden. "Wenn die Arbeit getan ist, ist mir das egal."
Fachkräftemangel für viele Betriebe große Herausforderung
Die Zahl der Beschäftigten sowie der Auszubildenden in Handwerksbetrieben in Hamburg sei seit einigen Jahren recht stabil, sagte eine Sprecherin der Handwerkskammer. Schätzungen zufolge arbeiten rund 106.000 Menschen fest und 5.500 in Ausbildung in Hamburger Handwerksbetrieben.
Anders als in Matthiessens Betrieb stellt der Fachkräftemangel für viele Handwerksbetriebe jedoch eine der größten Schwierigkeiten dar, wie Handwerkskammer-Präsident Hjalmar Stemmann sagt. Insgesamt gebe es rund 15.000 Handwerksbetriebe in Hamburg. "Bei etwa einem Drittel davon gehen die Betriebsinhaber in den kommenden Jahren in Rente und suchen Nachfolger". Die Lücke sei groß.
Malende Roboter und Drohnen, die Dächer inspizieren
Ein Teil der Lösung des Fachkräftemangel-Problems könnten Digitalisierung und KI sein. So würden im Malergewerk beispielsweise schon Flächen von Robotern gestrichen oder Dächer mit Hilfe von Drohnen inspiziert, sagt Stemmann. "Da gibt es eine Menge Effizienzsteigerungspotenzial."
Auch Matthiessens Mitarbeiter nutzen KI - beispielsweise, um sogenannte Leistungsverzeichnisse - also eine detaillierte Beschreibung über einen Neubau oder eine Gebäudeerneuerung - zu analysieren und Kosten zu kalkulieren. "Das hat unsere Arbeiten massiv beschleunigt", sagt Matthiessen. Sie ist überzeugt: "Wir müssen uns als Handwerk mit Digitalisierung und KI auseinandersetzen."
KI & Digitalisierung als Lösung für den Fachkräftemangel?
Eine Gefahr stelle der Vormarsch von Digitalisierung und KI für das Handwerk nicht dar, meint Stemmann. Im Gegenteil: Es sei eher eine Chance. "KI und Digitalisierung tragen zur Abmilderung des Fachkräftemangels bei. Die neuen Techniken helfen uns, verdrängen uns aber nicht."
Im Kern bleibe Handwerk Handwerk. Es werde sich auf lange Sicht kein KI-gesteuerter Roboter unter ein Waschbecken klemmen können, um ein Leck zu reparieren, da brauche man weiterhin Menschen, sagt er. Jobsicherheit und -perspektiven im Handwerk seien gut. Das beobachtet Mattiessen auch beim Nachwuchs: "Wir haben die ersten Leute, die merken, dass ihre Jobs wegfallen und die sich umorientieren und sagen, Handwerk hat goldenen Boden. Das merken wir definitiv."
Energiekrise lässt Preise steigen
Dennoch: Besonders die aktuelle wirtschaftliche und politische Lage macht den Betrieben zu schaffen: "Wir stecken in einer Art Doppelkrise", sagt Stemmann. Neben dem Fachkräftemangel sei auch die Stagnation der Konjunktur ein großes Problem, da Betriebe nicht mehr investieren könnten.
Vor allem die energieintensiven Handwerke wie Textilreinigung, Bäckerei oder Lackiererei seien von den Preisentwicklungen sehr betroffen. Der Wunsch nach strukturellen politischen Reformen und Entlastungen sei groß. "Die Preise gehen gerade durch die Decke", sagt auch Matthiessen. Ihr Betrieb habe mit Preissteigerung bis zu 25 Prozent und Materialknappheit zu kämpfen.
Immer mehr Betriebe schätzen Situation als schlecht ein
Die Krise trifft auf eine ohnehin schon schwierige wirtschaftliche Lage der Betriebe: Dem aktuellen Konjunkturbericht der Handwerkskammer Hamburg zufolge ist der Anteil der Betriebe, die eine gute Geschäftslage melden, von 44 Prozent im Herbst 2025 auf 30 Prozent gesunken. In einer schlechten Situation sehen sich derzeit rund 28 Prozent der Befragten – im Vergleich zu 17 Prozent vor einem halben Jahr. Damit setze sich ein negativer Trend fort, der nun bereits gut zwei Jahre anhalte.
Auch das Thema Klimawandel und damit der Weg hin zu mehr Nachhaltigkeit und weniger CO2-Ausstoß beschäftige die Betriebe, sagt Stemmann. Durch den Hamburger Zukunftsentscheid, mit dem sich die Mehrheit der Hamburgerinnen und Hamburger für eine Klimaneutralität schon ab 2040 statt 2045 entschied, sei die Herausforderung noch größer geworden.
Jubiläumsfeier Anfang Juni
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei D.H.W. Schultz und Sohn, die eigens für das Jubiläum bedruckte Pollover mit der 300 gut sichtbar in knallroter Farbe tragen, wollen sich die Stimmung für ihre Feier trotz der aktuellen Herausforderungen nicht vermiesen lassen. Schließlich haben sie schon die Dächer von bekannten Gebäuden wie dem Michel, dem Hamburger Rathaus, den Landungsbrücken, dem Dammtorbahnhof, dem Hotel Atlantic und der Hapag-Lloyd-Zentrale gemacht.