Hamburg & Schleswig-HolsteinSchädel und Knochen gestapelt - eine Krypta auf dem Kiez

Rotlicht und tausende Partygäste prägen den Hamburger Kiez - doch mittendrin steht eine katholische Barockkirche. In ihrer Krypta sind Schädel und Knochen Hunderter Menschen zu sehen. Wer waren sie?
Hamburg (dpa/lno) - Schädel neben Schädel, Knochen über Knochen: In einer Krypta an der Amüsiermeile Große Freiheit auf St. Pauli lagern jahrhundertealte Gebeine von rund 350 Menschen. Der Ort liegt unter der katholischen Barockkirche St. Joseph, die direkt gegenüber von Kaiserkeller und Thai-Oase gelegen ist. Tausende Touristen und Partygäste ziehen hier am Wochenende vorbei.
An der rechten Seite des Gotteshauses geht es über eine Treppe hinunter in die Erinnerungsstätte, die 2015 eingeweiht wurde. Für Führungen oder Andachten öffnet die Gemeinde den Raum und gibt einen besonderen Einblick in ein Stück Hamburger Geschichte.
Was ist in der Krypta zu sehen?
"Jesus Christus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben", diese Bibelstelle steht über einer Glasscheibe, durch die man in ein sogenanntes Beinhaus blicken kann. Auf dem Boden liegt ein großes Kreuz. Die aufgereihten Schädel und Knochen sind sehr unterschiedlich gefärbt - mal schwarz, bräunlich oder hell. "Uns bietet sich jetzt ein Anblick vieler Gebeine", sagt Kiez-Pastor Karl Schultz. "Aber wir wissen eben, dass das alles mal lebendige Menschen waren." Deshalb sei Respekt wichtig.
Auch ein Ausstellungsraum mit Schautafeln und Vitrinen gehört zur etwa zwei Meter hohen Krypta. Darin sind Sargbeigaben wie Eheringe, Rosenkränze oder Kruzifixe, aber auch Überreste wie Zahnersatz, Haarspangen und Kleidung zu sehen.
Wie reagieren die Menschen auf den Anblick der Gebeine?
Für manch einen Besucher dürften die Gebeine erst einmal ein schauriger Anblick sein. Doch eines ist Pastor Schultz sehr wichtig: Die Krypta solle nicht mit einem Gruselkabinett verwechselt werden, sagt der 69-Jährige. "Das ist eine christliche Begräbnisstätte."
Auch viele Schulklassen kommen, können sich hier mit dem Thema Tod auseinandersetzen. Es sei eine herausfordernde Situation, berichtet Schultz. Für die meisten jungen Menschen sei es das erste Mal in ihrem Leben, dass sie menschliche Gebeine sehen. "Das macht was mit den Jugendlichen." Wer die Endlichkeit des Lebens bedenke, bekomme auch einen anderen Blick, wie kostbar das Leben ist.
Gerade schaut sich Besucher Malte Rahn (56) die Krypta an, von der er erst kürzlich erfahren hat. Was ist das für ein Gefühl, dort zu stehen? "Ich habe hier unten ein unheimlich ausgeglichenes Gefühl von Ruhe, von Friedlichkeit", sagt der Hamburger. "Das ist überhaupt nicht schaurig, denn es ist ja nicht düster gehalten, sondern mit einer angenehm dezenten Beleuchtung." Die Besucher können ihre Gedanken in einem Gästebuch festhalten.
Von wem stammen die Überreste?
Von 1719 bis 1868 wurde im Gruftgewölbe von St. Joseph bestattet. "Nach der Bombardierung 1944 war Regenwasser in die Gruft gelangt und die Särge begannen zu faulen", heißt es auf einer Informationstafel. Fast alle Metallbeschläge und Inschriftentafeln seien gestohlen worden. "Viele Sargbretter dienten als Brennholz." Erhalten sind beispielsweise noch die Inschriftentafeln vom Sarg eines Freiherrn und zweier Pfarrer.
Nach dem Krieg, beim Wiederaufbau des Gotteshauses, wurden die entdeckten Gebeine auf einen großen Haufen gekippt und im Mittelgewölbe vermauert. Welche Schädel und Knochen zu welcher Person gehörten, lasse sich nicht mehr zuordnen, sagt Seelsorger Schultz.
Wie verlief die Neugestaltung?
Während der Neugestaltung von 2011 bis 2015 bargen Archäologen die Gebeine von rund 350 Menschen aus den ursprünglichen Grufträumen und dem ehemaligen Kirchhof-Areal. Man wollte den Toten wieder eine würdige letzte Ruhestätte geben. Ein Beinhaus habe eine lange kirchliche Tradition, kenne man aber eher aus dem Süden, erklärt Schultz. "Im Norden ist das schon eine Seltenheit." Rund 400.000 Euro kostete das Projekt, wie das Erzbistum Hamburg bei der Eröffnung 2015 mitteilte.
Wie ist die Historie dieser katholischen Kirche?
Bereits im 16. Jahrhundert gewährten die Schauenburger Grafen religiösen Minderheiten in Altona Gewerbe- und Religionsfreiheit. "Kennzeichnend für die katholische Gemeinde ist daher seit ihrem Entstehen die internationale Zusammensetzung ihrer Mitglieder", heißt es auf einer Schautafel. 1723 wurde die Kirche St. Joseph vollendet. "Das ist die erste katholische Kirche, die nach der Reformation in ganz Nordeuropa gebaut wurde", erklärt Pastor Schultz. Die Kirche unweit der berühmten Reeperbahn, die dieses Jahr ihr 400-jähriges Jubiläum feiert, setze auf eine Gemeindearbeit der offenen Tür. Auf einem Schild am Eingang steht: "Es gibt nichts, womit Jesus nicht fertig wird."