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Hessen Fragen, Hoffnung und Enttäuschung: Hessen lockert Regeln

Eine FFP2-Maske liegt auf einem Leuchttisch. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa/Illustration

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa/Illustration)

Die niedrigen Fallzahlen ermöglichen mehr Freiheiten in der Pandemie. Doch bei der praktischen Umsetzung gibt es noch einigen Klärungsbedarf. Ebenso wie Bedenken und heftige Kritik.

Wiesbaden (dpa/lhe) - Tanzen und Gemeindegesang sind wieder möglich, die Masken im Unterricht fallen: Angesichts niedriger Corona-Infektionszahlen hat Hessen viele Beschränkungen des Alltags gelockert. Die Erleichterungen betreffen seit Freitag private Kontakte, Handel und Gastronomie, die Schulen, Discos und die Kirchen. Selbst Bordelle dürfen unter Auflagen öffnen. Bei der Umsetzung der neuen Freiheiten bleiben aber noch Fragen offen. Ein Überblick:

SCHULEN: Die Maskenpflicht im Unterricht ist erstmal Geschichte. Die Gewerkschaft GEW sieht das kritisch. Die wenigen Wochen bis zu den Sommerferien hätte noch die bisherige Regelung weiter gelten sollen, sagte die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Birgit Koch. Durch die Rückkehr zum Präsenzunterricht seien die Klassen wieder voll. Damit könne nicht mehr viel Abstand eingehalten werden. Dazu komme die zunehmende Ausbreitung der Corona-Variante Delta.

Das Kultusministerium müsse die Sommerferien nutzen, um Vorsorge für den Herbst und Winter zu treffen, mahnte die GEW-Chefin. Es solle ausreichend Geld investiert werden, um die Schulen etwa mit Luftfiltern auszustatten. Nach der neuen Corona-Verordnung des Landes gilt unter anderem Präsenzunterricht für alle Klassen. Eine Maske soll in Schulgebäuden und Klassenzimmern bis zum Sitzplatz getragen werden, nicht aber im Unterricht.

KIRCHEN: Bei Gottesdiensten ist der Gemeindegesang auch in Innenräumen wieder erlaubt. Wie mit dieser Möglichkeit umgegangen und den potenziellen Infektionsgefahren begegnet wird, liegt laut eines Regierungssprechers "in der primären Verantwortung der Kirchen und Religionsgemeinschaften". Diese sollen sich dabei an den entsprechenden Empfehlungen orientieren.

Die Lockerungen seien grundsätzlich zu begrüßen, sagte Volker Rahn, Sprecher der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Allerdings bedeuteten diese auch eine "riesige Herausforderung" für die eigenverantwortlichen Gemeinden, sagte er insbesondere mit Blick auf das Thema Gesang. Der Krisenstab der EKHN wolle daher in Abstimmung mit den anderen hessischen Kirchen in der kommenden Woche Leitlinien erarbeiten, um den Umgang mit den Lockerungen vor Ort zu erleichtern.

Das Bistum Limburg empfiehlt ihren hessischen Gemeinden, den gemeinsamen Gesang "behutsam wieder aufzunehmen", sagte Sprecher Stephan Schnelle. "Es müssen ja nicht immer alle Strophen gesungen werden", nannte er als Beispiel. Die Pandemie sei noch nicht vorbei.

CLUBS UND DISKOTHEKEN dürfen Gäste im Außenbereich mit Auflagen empfangen. Die Öffnung der Innenbereiche von Bars und Gastronomie ist erlaubt, nicht aber für Tanzveranstaltungen. Die zunächst geweckten Erwartungen seien "maßlos enttäuscht" worden, kritisiert das Netzwerk "Clubs am Main". Es gälten völlig überzogene Kapazitätsbeschränkungen von einer Person pro zehn Quadratmeter. Auch müssten Mindestabstände eingehalten werden. Ein wirtschaftlicher Betrieb für Clubs sei so nicht möglich, die im Sommer so beliebten Musikfestivals fehlten gar gänzlich in der Verordnung. Das Netzwerk rief Festivals und Clubs zur juristischen Prüfung auf.

TANZSCHULEN: Auch sie hoffen auf mehr Freiräume, wissen aber noch nicht so recht, was die Lockerungen für sie bedeuten. "Wir warten auf die Auslegungshinweise", sagte Uwe Mundt, Inhaber einer Tanzschule in Langen, für den Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband (ADTV). Die neue Verordnung sei zu abstrakt und zu allgemein, um daraus etwa abzuleiten, wie viele Teilnehmer die Kurse besuchen dürfen. Die Tanzschule Mundt empfängt aktuell zehn Teilnehmer pro Kurs, die in festen Paaren tanzen. Bälle und Parties sind aktuell nicht geplant.

Die meisten Schulen hätten im Juni wieder mit regulärem Unterricht "in kleinen Gruppen" angefangen, berichtete Ute Berné, die eine Tanzschule in Hanau betreibt, für den Berufsverband Deutscher Tanzlehrer (BDT). Sie hofft, dass es mit der neuen Verordnung möglich wird, wieder mehr Angebote zu machen. Die Nachfrage sei da: "Die Leute sind ausgehungert, die brennen darauf, sich zu bewegen."

SÄNGER: "Nach den bisherigen Informationen ändert sich für uns so gut wie gar nichts", sagte Josy Ehret vom Hessischen Sängerbund in Oberursel. Zwar dürften sich mehr Menschen treffen, aber wegen des weiter geltenden Mindestabstands komme es schnell zu räumlichen Grenzen. "Selbst wenn nur zehn Leute zusammen singen, braucht man schon viel Platz." Seit Ende Mai dürften die Sänger wieder proben. Das sei für Chöre oder Orchester zwar in Innenräumen - mit Auflagen - möglich, teilte das hessische Kunstministerium mit. "Chorsingen im Freien sollte aber weiterhin bevorzugt werden, weil das Risiko für Infektionen dort geringer ist als in Innenräumen."

BORDELLE: Nadine Maletzki, Betreiberin des Laufhauses "Sex Inn" im Frankfurter Bahnhofsviertel, hat gleich nach der Bekanntgabe der Öffnungsgenehmigung Getränke bestellt, nun lässt sie die bereits georderten Desinfektionsspender am Eingang und in allen Zimmern aufstellen. "Ich bin seit Monaten bereit, wieder zu öffnen - jetzt warte ich nur auf die konkreten Auflagen, etwa wie genau die Kontaktdatenerfassung erfolgen soll", berichtete sie.

Die Kundennachfrage sei da: "Das Telefon geht schon seit einer Woche in einer Tour mit Fragen, wann wir wieder öffnen." Die offene Frage sei allerdings, wie viele Frauen bereits wieder ihre Zimmer beziehen, denn einige seien während des Lockdowns in ihre Heimatländer zurückgekehrt und hätten nun keine gültige Aufenthaltserlaubnis mehr.

© dpa-infocom, dpa:210625-99-136218/4

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