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Hessen Kampf gegen Armut: Wie Hessens Kommunen helfen wollen

Ein Mitarbeiter nimmt an einer Ausgabestelle der Tafel Frankfurt eine Tasche entgegen.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Symbolbild)

Mehr als 18 Prozent der Hessen sind einem Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zufolge von Armut betroffen. Soziale Organisationen fürchten angesichts der steigenden Preise eine weitere Zunahme. Die Kommunen reagieren mit eigenen Maßnahmen.

Kassel/Frankfurt (dpa/lhe) - In Hessen nimmt die Armut laut Paritätischem Wohlfahrtsverband seit Jahren zu. Landesgeschäftsführerin Yasmin Alinaghi spricht von einem "rapiden Aufwärtstrend". Im Länderranking sei das Bundesland vom dritten Platz im Jahr 2015 auf aktuell Rang elf gerutscht. "Das ist schockierend und sehr alarmierend", sagte Alinaghi.

Angesichts steigender Energie- und Lebensmittelkosten steht eine Verschärfung des Problems zu befürchten. So rechnet etwa die Diakonie Hessen damit, dass sich im bevorstehenden Winter die Zahl Hilfe suchender Menschen im Vergleich zu den Vorjahren deutlich erhöhen wird. "Es werden mehr Menschen in unsere Einrichtungen kommen, die vorher nicht unsere Klienten waren", sagte Katharina Alborea, Leiterin des Referats Wohnungsnotfallhilfe der Diakonie Hessen. "Tagesaufenthalte, wo man es warm hat und vielleicht für wenig Geld eine Tasse Kaffee oder Tee bekommen kann, sind attraktiv für Menschen, die in ihrer Bude sitzen und frieren."

Von Armut besonders betroffen sind laut Alinaghi ältere Menschen, Alleinerziehende und Familien mit vielen Kindern sowie die Kinder selbst. In Hessen würden 20 Prozent der Kinder als arm gelten. Zur Bekämpfung des Problems fordert Alinaghi dringend ein überzeugendes Konzept. "Es wird zu wenig getan", sagte die Landesgeschäftsführerin.

Und was getan werde, müsse zielgerichteter getan werden. "Das Gießkannenprinzip ist falsch. Was nutzt es jemandem, der sich kein Auto leisten kann, wenn die Mineralölsteuer gesenkt wird", argumentierte sie. Der Regelsatz der Grundsicherung beziehungsweise des künftigen Bürgergeldes müsse deutlich erhöht werden, die Praxis der Sanktionen abgeschafft werden. Die zunehmende Armut müsse Thema im kommenden Landtagswahlkampf in Hessen werden.

Auch in Hessens Kommunen ist man sich des Problems der zunehmenden Armut bewusst. In Kassel etwa hat die Armutsquote rund 18 Prozent erreicht. Die Situation der Betroffenen habe sich infolge der Pandemie und des Ukraine-Kriegs weiter verschärft, betonte Bürgermeisterin und Sozialdezernentin Ilona Friedrich (SPD). Zudem beeinträchtigten steigende Lebenshaltungs- und Energiekosten die Lebenssituation vieler Menschen.

Um gegenzusteuern ist in der nordhessischen Stadt deshalb ein Pakt gegen Armut gegründet worden. Dabei sollen Friedrich zufolge Ressourcen und Aktivitäten auf kommunaler Ebene vernetzt werden. Ziel sei es, sie wirkungsvoller einzusetzen und neue lokale Ansätze zur Armutsbekämpfung und -prävention zu entwickeln. "An den Regelsätzen können wir zwar als Kommune nichts ändern, aber wir können sehr wohl mit kommunaler Schwerpunktsetzung die gesellschaftliche Teilhabe stärken und die Lebenschancen von Menschen in unserer Stadt verbessern", betonte Friedrich.

In Offenbach setzt man dazu unter anderem auf die Stärkung der Wirtschaftsstruktur und die Schaffung ausreichenden, auch günstigen Wohnraums. "Die Stadt Offenbach steht aufgrund der vergleichsweise schwachen Einkommenssituation und Kaufkraft ihrer Bevölkerung, der dauerhaft hohen Arbeitslosigkeit und des hohen Leistungsbezugs seit vielen Jahrzehnten vor der großen Herausforderung, gegen die wachsende Gefahr einer Verarmung ihrer Bevölkerung vorzugehen", erklärte eine Pressesprecherin.

Im Fokus stehe dabei unter anderem die Verbesserung der Bildung. So würden derzeit Hunderte Millionen Euro in Schulneubau, Schulerweiterungen und Schulsanierungen investiert. Aktuell bereitet die Stadt der Sprecherin zufolge zudem die Aufstellung eines Aktionsplans zur Bekämpfung von Kinderarmut vor.

Die Stadt Darmstadt hat nach eigenen Angaben viele Angebote zur Armutsbekämpfung. Unter anderem bekommen Kinder, Jugendliche und Familien durch Kinder- und Jugendarbeit, Schulsozialarbeit, der Frühen Hilfen und Familienzentren Unterstützung und Förderung, wie ein Sprecher mitteilte. Zum 1. September 2022 sei zudem das überarbeitete Sozialticket der Stadt Darmstadt gestartet - eine vergünstigte Monatskarte für den ÖPNV im Stadtgebiet.

Der Gießen-Pass soll mit Vergünstigungen bei ÖPNV, Kultureinrichtungen, Schwimmbädern und Volkshochschule bedürftigen Menschen in der mittelhessischen Stadt mehr Teilhabe ermöglichen. Zudem biete man Staffelgebühren bei Kindertagesstätten, erläuterte eine Sprecherin. "Knapp 50 Prozent der Eltern zahlen keine Gebühren", erklärte sie. Der durch drohende Energiekosten bedingten Armut begegne man aktuell unter anderem durch Informations- und Beratungsformaten wie etwa stadtteilbezogenen Energiemessen.

Bezahlbarer Wohnraum stehe in der Landeshauptstadt Wiesbaden ebenso auf der Agenda wie Beratungsangebote zu vorhandenen Sozialleistungen, erklärte Wiesbadens Sozialdezernent Christoph Manjura (SPD). Aktuell werde auch ein Angebot für junge Wohnungslose aufgebaut.

Die schwarz-grüne Landesregierung arbeite im Rahmen ihres Dritten Hessischen Landessozialberichts daran, die Ursachen für Armut und Ungleichheit in Hessen noch besser zu analysieren, teilte das hessische Sozialministerium mit. Der Bericht werde in Kürze vorgestellt. Er soll demnach in diesem Jahr insbesondere die Situation Alleinerziehender beleuchten.

Quelle: dpa

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