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Mecklenburg-Vorpommern Land will Geburtsstation Crivitz erhalten

Manuela Schwesig (SPD), die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern. Foto: Jens Büttner/zb/dpa/Archivbild

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Note sechs und Nachsitzen für Gesundheitsminister Glawe: Sein Deal mit privaten Klinikbetreibern zur Schließung der Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Crivitz zugunsten von Parchim fällt im Kabinett durch. Er muss neu verhandeln.

Schwerin (dpa/mv) - Es ist ein bitterer Tag für Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU): Vor der Staatskanzlei pfeifen ihn am Dienstagmorgen empörte Bürger aus. Sie demonstrieren gegen die in Abstimmung mit dem Minister vereinbarte Schließung der Station für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Mediclin-Krankenhaus Crivitz (Landkreis Ludwigslust-Parchim) zum Jahresende.

Anschließend bekommt Glawe im Kabinett eine kollektive Watsche: Er wird mit erneuten Gesprächen mit den Klinikbetreibern mit dem Ziel beauftragt, zu einer anderen Lösung zu kommen und die Geburtsstation in Crivitz zu erhalten. "Es ist die gemeinsame Auffassung beider Regierungspartner, dass die Probleme in Parchim nicht auf Kosten der Geburtshilfestation in Crivitz gelöst werden dürfen", erklärt Regierungssprecher Andreas Timm.

Vor der Kabinettssitzung hatte Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) bereits im Gespräch mit den knapp 100 Demonstranten deutlich gemacht, dass sie das bisherige Vorgehen kritisch sieht und sich mit der Lösung nicht zufrieden geben will. "Auch ich bin von der Entscheidung überrascht worden, und ich halte sie für falsch", sagte die Regierungschefin und verlangte im Beisein Glawes Nachbesserungen. Auf Plakaten forderten die Demonstranten die Landesregierung auf, das zum Jahresende angekündigte Aus zu verhindern und für eine angemessene Finanzierung des Gesundheitssystems zu sorgen. "Hört auf den Bauch, nicht auf den Geldbeutel", war auf einem der Transparente zu lesen.

Ende vergangener Woche hatte Glawe bekanntgegeben, dass die Asklepios Klinik Parchim und das Mediclin Krankenhaus am Crivitzer See ihre Abteilungen für Gynäkologie und Geburtshilfe in Parchim bündeln wollen. Das würde das Ende für die bei werdenden Müttern sehr beliebte Geburtshilfe-Station in Crivitz führen. Die parteilose Bürgermeisterin von Crivitz, Britta Brusch-Gamm, beklagte, dass die Stadt vor vollendete Tatsachen gestellt worden sei. Mit der Schließung der Geburtshilfe würde ein großes Loch in die medizinische Grundversorgung der Region gerissen, heißt es in einem von ihr verfassten offenen Brief an die Landespolitiker. Darin fordert Brusch-Gamm, die Entscheidung für ein Jahr auszusetzen, um gemeinsam eine Lösung zu finden.

Kritik kam auch vom zuständigen Landrat des Kreises Ludwigslust-Parchim, Stefan Sternberg (SPD). "Das ist der Ausverkauf des ländlichen Raums. Wenn das weiter Schule macht, brechen die kleinen Krankenhäuser bald ganz weg", sagte er. Für die Klinikbetreiber gehe es vor allem um Zahlen und Rendite.

Die jüngste Debatte hatte sich an der Kinderstation der Asklepios Klinik in Parchim entzündet. Dort waren im Frühjahr binnen weniger Wochen fünf Kinderärzte gegangen, so dass die Station wegen Ärztemangels zu Pfingsten geschlossen wurde. Weil keine neuen Ärzte hätten verpflichtet werden können, werde "der Versorgungsauftrag für die stationäre pädiatrische Versorgung zum 31.12.2019 zurückgegeben", teilte Klinik-Geschäftsführer Matthias Dürkop mit. Die Versorgung junger Patienten aus der Region soll ambulant in einer Tagesklinik mit vier Betten erfolgen, hatte Glawe angekündigt. Einen Arzt dafür will Glawe gar aus der Landeskasse finanzieren.

Die Bündelung von Gynäkologie und Geburtshilfe in Parchim erfolge aus "qualitätsmedizinischen Erwägungen im Zusammenhang mit der seit langem rückläufigen Geburtenzahl an beiden Standorten in Folge des demografischen Wandels", hieß es in einer Erklärung der beiden Kliniken. Im laufenden Jahr wurden an beiden Standorten jeweils weniger als 400 Kinder zur Welt gebracht. Als Mindestrichtwert für eine routinierte und auf Eventualfälle vorbereitete Geburtshilfe würden Experten aber mehr als 500 Geburten an einem Standort ansehen.

Darauf verwies auch Glawe vor den Demonstranten. Er versicherte, dass es mit ihm keine Klinikschließungen geben werde. Doch gingen seine Erklärungen in einem Pfeifkonzert weitgehend unter. Der Spießrutenlauf ist für Glawe noch nicht beendet: Für die am Mittwoch beginnende Landtagssitzung haben die Oppositionsfraktionen Linke und AfD Dringlichkeitsanträge zum Thema vorgelegt.

Nach Einschätzung von Linksfraktionschefin Simone Oldenburg hat die Regierungschefin den Streit der Landesregierung um die Schließung der Geburtenstation in Crivitz in aller Öffentlichkeit eskalieren lassen. "Schwesig stellte Gesundheitsminister Harry Glawe bloß und bezeichnete dessen Entscheidung als falsch. Es rappelt gewaltig in der Kiste der großen Koalition", konstatierte Oldenburg. Warum Glawe die Entscheidung übereilt und offenbar ohne Rücksprache mit Kabinett, Kommune und Klinikpersonal bekannt gegeben habe, bleibe sein Geheimnis.

In Crivitz und Parchim sind weitere Bürgerproteste und Mahnwachen geplant. Der jüngste Bürgerprotest erinnert an die Reaktionen auf die heftig umstrittene Schließung der Kinderstation im Krankenhaus Wolgast. Dort wurde nach massiven Protesten schließlich eine "Portalklinik" als Ersatz geschaffen, stationäre Fälle werden an die Universitätsklinik Greifswald überwiesen. Die Empörung in der Bevölkerung war groß. Der Wahlerfolg der AfD in der Region Vorpommern bei der Landtagswahl 2016 wird von Beobachtern auch mit der Schließung der Kinderstation in Wolgast in Verbindung gebracht.

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