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Mecklenburg-Vorpommern Landeselternrat sieht Zwei-Klassen-Gesellschaft

Kay Czerwinski, Vorsitzender des Landeselternrates. Foto: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild

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Angesichts der englischen Mutante des Coronavirus mahnen Pandemiebekämpfer zu größter Vorsicht. Dennoch nehmen viele Kinder in Regionen mit Inzidenzen von über 50 am freiwilligen Präsenzunterricht teil. Denn Distanzunterricht gibt es für sie nicht mehr.

Schwerin (dpa/mv) - In den Schulen des Landes droht nach Einschätzung des Landeselternrats derzeit eine Ungleichbehandlung von Schülern in Klasse eins bis sechs. In Regionen mit einer Corona-Inzidenz von über 50 erhalten die Kinder neuerdings "freiwilligen Präsenzunterricht", wie ein Sprecher des Bildungsministeriums in Schwerin am Dienstag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur bestätigte. Wer zu Hause bleibt - die Präsenzpflicht ist mit Blick auf die Pandemiebekämpfung aufgehoben -, bekommt keinen Distanzunterricht mehr wie vor den Winterferien, sondern lediglich "Aufgabenpakete". Ein Recht auf Distanzunterricht haben demnach nur noch chronisch kranke Kinder.

Für den Vorsitzenden des Landeselternrates, Kay Czerwinski, ist dieses Vorgehen hochproblematisch. "Das geht nicht, das Recht auf Bildung ist ein Grundrecht, das muss umgesetzt werden, bei allem Verständnis für Kapazitätsprobleme", sagte er. "Ich verstehe ja, dass Lehrer nicht beides leisten können: Eine halbe Klasse unterrichten und für die andere Hälfte Distanzunterricht organisieren." Andere Wege müssten gefunden werden. Den Kindern, die zu Hause bleiben, drohe sonst eine "ganz klare Benachteiligung".

Czerwinski schlug vor, die Präsenzpflicht nicht zwingend bei einer Inzidenz von 50 aufzuheben. Auch andere Faktoren sollten bei der Entscheidung berücksichtigt werden, wie Krankenhauskapazitäten und die Art des Infektionsgeschehens. Werde sie doch aufgehoben, dann wäre aus seiner Sicht ein verbindlicher Wechselunterricht für alle Beteiligten besser als ein freiwilliger Präsenzunterricht, bei dem ein Teil der Kinder lediglich Aufgaben, aber keinen Distanzunterricht bekommt. Für die Kinder, die gerade keinen Unterricht haben, solle es eine Betreuung geben. So könnten die Gruppen verkleinert und das Ansteckungsrisiko könne ohne Benachteiligung einer ganzen Gruppe verringert werden.

Der Sprecher des Bildungsministeriums betonte, der Schwerpunkt im freiwilligen Präsenzunterricht solle auf dem Festigen und Üben von bereits Erlerntem liegen. Die Fraktionsvorsitzende der oppositionellen Linksfraktion im Landtag, Simone Oldenburg, verlangte, dass sichergestellt wird, dass Kinder, die nicht am Präsenzunterricht teilnehmen, an denselben Aufgaben arbeiten können wie die Kinder im Klassenzimmer. "Es ist auch deshalb allerhöchste Zeit, dass die Videoschalte auf der Lernplattform itslearning funktioniert, damit die Kinder via Bildschirm dem Unterricht folgen können", sagte sie. "Nur so ist Chancengleichheit gewährleistet."

Am Montag waren nach Angaben des Bildungsministeriums landesweit 62,3 Prozent der Grundschüler in der Schule. In den Klassen fünf und sechs waren es 58,6 Prozent. Präsenzpflicht besteht nur in der Stadt Rostock und im Landkreis Vorpommern-Rügen, wo die Inzidenz unter 50 liegt.

© dpa-infocom, dpa:210302-99-658516/3

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