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Mecklenburg-Vorpommern Mordprozess um Leonie: Mutter schildert "Spirale der Gewalt"

Das Justizzentrum Neubrandenburg mit Landgericht. Foto: Bernd Wüstneck/zb/dpa

(Foto: Bernd Wüstneck/zb/dpa)

Was geschah seit Mitte 2018 in der Wohnung, in der Anfang 2019 die kleine Leonie starb? Laut der Mutter führte sich der Stiefvater auf wie ein Tyrann und ließ nicht zu, dass Hilfe geholt wurde. Sie will nun nichts mehr sagen - am 9. Dezember soll der Angeklagte aussagen.

Neubrandenburg (dpa/mv) - Im Mordprozess um den Tod der sechsjährigen Leonie hat die Mutter den angeklagten Stiefvater weiter belastet und ihre Befragung am Landgericht Neubrandenburg dann abgebrochen. "Sie hat über vier Prozesstage umfassend ausgesagt, nun wird ab sofort das Zeugnisverweigerungsrecht in Anspruch genommen", erklärte ihr Anwalt Axel Vogt am Mittwoch nach der nichtöffentlichen Verhandlung. Die letzten Monaten vor Leonies Tod habe es bei der Familie in Torgelow (Landkreis Vorpommern-Greifswald) "eine Spirale der Einschüchterung und Gewalt durch den Stiefvater gegeben". Klar sei, dass Leonie eines gewaltsamen Todes starb, erläuterte Vogt: "Und dies nicht durch die Hand der Mutter."

Das Landgericht hatte die 25-Jährige rund zweieinhalb Stunden unter anderem zu den Verletzungen von Leonies kleinem Bruder und der Situation in der Familie vor allem seit dem Umzug im Sommer 2018 von Wolgast nach Torgelow angehört. Dabei wurde auch erörtert, dass es schon am 8. Januar Versuche gab, die Polizei über ein Handy anzurufen, was aber schnell unterbunden worden sei. An dem Tag soll es nach Zeugenangaben einen heftigen Streit zwischen dem Stiefvater und der Mutter gegeben haben.

Auf den 11. Januar - einen Tag vor ihrem Tod - sind Handy-Bilder datiert, die Leonie mit solchen Verletzungen am Kopf und an der Hand zeigen, so dass sie vom Stiefvater beim Abendbrot gefüttert wird. "Meine Mandantin macht sich selbst ganz erhebliche Vorwürfe", sagte der Anwalt. Sie habe mehrfach versucht, schon eher Hilfe zu holen, sei aber nicht stark genug gewesen. Leonie war am 12. Januar tot in der Wohnung der Familie gefunden worden. Dem 28 Jahre alten Stiefvater wird Mord durch Unterlassen und Misshandlung von Schutzbefohlenen vorgeworfen. Der beschäftigungslose Mann soll das Mädchen mehrfach so misshandelt haben, dass es an den Folgen starb.

Laut Staatsanwaltschaft soll der Angeklagte regelmäßig Drogen konsumiert und beide Stiefkinder - Leonie und ihren zweijährigen Bruder - seit November 2018 mehrfach misshandelt haben. Er habe auch am 12. Januar erst am Abend Hilfe geholt, um Spuren zu verdecken. Der Angeklagte schweigt bislang vor Gericht, hatte bei der Polizei aber von einem Treppensturz Leonies am Nachmittag dieses Tages gesprochen. Den Sturz bezweifeln Ermittler allerdings.

Der Stiefvater will sich am kommenden Montag erstmals zur Anklage äußern, wie die Verteidiger betonten. Ob der Angeklagte auch Fragen der Kammer beantwortet, sei noch offen. Es bestehe auch die Möglichkeit, dass eine vorbereitete Erklärung verlesen werde, hieß es. Das sei noch nicht ganz klar, sagte Verteidiger Bernd Raitor.

In dem Zusammenhang wird abseits des Prozesses auch gegen die Mutter Leonies ermittelt, weil sie nicht früher Hilfe geholt hatte.

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