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Niedersachsen & Bremen "Habe keinen Bock mehr": Klinikalltag in Niedersachsen

Ein Krankenpfleger schiebt in einer Klinik ein Krankenbett durch den Flur. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa/Symbolbild

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa/Symbolbild)

Die Situation in den Krankenhäusern gilt seit Jahren als angespannt, die Landesregierung hat deswegen eine Enquete-Kommission eingesetzt. Klinikvertreter haben hier nun berichtet, wie es wirklich um ihre Häuser bestellt ist.

Hannover (dpa/lni) - Krankenhäuser schließen, die Notaufnahmen sind überfüllt, die Bürokratie raubt Zeit: Klinikvertreter aus fünf niedersächsischen Kommunen haben am Montag im Landtag in Hannover ihre drängendsten Probleme vorgetragen. Sie kamen in einer Sitzung der Enquete-Kommission zu Wort, die sich seit Monaten damit beschäftigt, Vorschläge für die Verbesserung der medizinischen Versorgung in Niedersachsen zu erarbeiten. Die wichtigsten Themen im Überblick:

KLINIKZENTRALISIERUNGEN UND -SCHLIEßUNGEN

Die Schließung von kleineren Kliniken und Zentralisierungen sind seit langem an der Tagesordnung. Uwe Lorenz etwa, Geschäftsführer der Kliniken im Landkreis Diepholz, geht davon dass, dass in seinem Kreis in absehbarer Zeit drei Krankenhäuser geschlossen werden. "Wir schreiben seit Jahren rote Zahlen", begründet er den Schritt. Anstelle der drei Häuser soll deswegen eine neue Klinik an einem "optimalen Punkt" im Landkreis entstehen.

Auch in Ostfriesland gibt es seit Jahren Debatten über eine Zentralklinik als Alternative zu kleineren Häusern, die Bedenken der Bürgern sind groß. Dort wird über die Standorte Emden, Aurich und Norden diskutiert. Fest steht nun: Die stationären Bereiche in den dortigen Krankenhäusern sollen komplett aufgegeben und in eine neue Klinik verlagert werden, die in der Mitte der drei Städte liegt, wie der Geschäftsführer des Klinikums Emden, Claus Eppmann, berichtet.

LÄNDLICHE VERSORGUNG

"Wir haben hier ein großes Nirgendwo", sagt Uwe Lorenz und zeigt auf eine Karte des Kreises Diepholz. Die vielen roten Bereiche auf der Karte markieren die Regionen, wo der Weg zum Krankenhaus besonders weit ist. "Wer bei uns im Landkreis ein Kind gebären will, muss oft weite Wege fahren", sagt Lorenz.

Auch der nächste Hausarzt ist manchmal weit weg: Im Kreis Osterholz etwa kämen immer mehr Menschen mit Husten und Schnupfen in die Notaufnahme des Kreiskrankenhauses - in den Dörfern gebe es schlicht keine Hausärzte, erzählt Leiter Klaus Vagt. Um dem Mangel zu begegnen, werden unterschiedliche Dinge erprobt: So steuert die Kassenärztliche Vereinigung mit Stipendien für Medizinstudenten gegen, künftige Ärzte erhalten während ihres Studiums 400 Euro monatlich und verpflichten sich, später eine Zeit lange als Hausarzt auf dem Land zu arbeiten. Auch Telemedizin soll ausgebaut werden. Und im Kreis Gifhorn wird erprobt, inwieweit Pflegekräfte dort Ärzte entlasten können und Patientenbesuche übernehmen.

FACHKRÄFTEMANGEL

Alleine in Emden gibt es derzeit 12 unbesetzte Arztstellen, sagt Geschäftsführer Claus Eppmann. Zeitweise musste der Kreißsaal wegen Unterbesetzung an den Wochenenden schließen. Fast alle Klinikvertreter beklagen den "unschönen Wettbewerb" um Fachkräfte. "Als öffentlicher Arbeitgeber können wir oft nicht mit den Privaten mithalten", erzählt Monika Müller, die als Dezernentin für das städtische Krankenhaus in Wolfsburg zuständig ist. So könne sie beispielsweise keine Prämien für Fachkräfte ausschreiben.

BÜROKRATIE

In einem Punkt sind sich alle Klinikvertreter einig: Sie haben immer stärker mit der Bürokratie zu kämpfen. Er müsse immer mehr Qualitätsvorgaben, Gesetze und Vorgaben erfüllen, meint Uwe Lorenz aus Diepholz. Birgit Huber vom Clementinenhaus Hannover erzählt, sie bekomme pro Woche bis zu 200 Anfragen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen, der beispielsweise Abrechnungen prüft: "Das ist unfassbar, da arbeiten 10 000 Ärzte und Pflegekräfte, die wir alle gut gebrauchen könnten."

FINANZIERUNG

Von der Politik wünschen sich die Krankenhausvertreter neben einem Bürokratieabbau vor allem eine bessere finanzielle Ausstattung. Insbesondere im IT-Bereich wissen viele nicht, wie sie anstehende Investitionen stemmen sollen. Dazu müsse die "Übermacht der Krankenkassen" gebrochen werden. "Ich wünsche mir eine partnerschaftliche Beziehung zwischen Krankenkassen und Häusern", sagt Birgit Huber vom Clementinenhaus Hannover. Auf Entgeltverhandlungen, wie sie sie bisher führen musste, habe sie "keinen Bock mehr".

Informationen zur Enquete-Kommission zur medizinischen Versorgung

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