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Nordrhein-Westfalen Conti-Aufsichtsrat bestätigt Aus für Reifenwerk in Aachen

Ein Bauzaun mit dem Logo von Continental. Foto: Julian Stratenschulte/dpa/Archivbild

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa/Archivbild)

Trotz heftiger Kritik von Mitarbeitern und Politikern treibt der Autozulieferer Continental sein Sparprogramm voran. Das Reifenwerk Aachen soll Ende kommenden Jahres dicht gemacht werden. Rund 1800 Mitarbeiter sind betroffen.

Hannover/Aachen (dpa/lnw) - Das traditionsreiche Reifenwerk von Continental in Aachen steht vor dem Aus. Der Aufsichtsrat des Autozulieferers hat am Mittwoch die Schließungspläne des Konzerns bestätigt. Das Werk soll Ende 2021 aufgegeben werden. Betroffen von den Plänen sind nach Unternehmensangaben 1800 der dortigen 2000 Arbeitsplätze.

Die nordrhein-westfälischen Landesregierung reagierte empört. "Management und Aufsichtsrat von Continental brüskieren ohne Not eine ganze Region", sagte Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP). Continental gefährde "seine Reputation als sozial verantwortlich handelnder Premiumhersteller". Nach 90 erfolgreichen Jahren in Aachen trage Continental die volle Verantwortung für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und den Standort. "Das werden wir auch einfordern", sagte Pinkwart.

Conti argumentiert mit dem wirtschaftlichen Umfeld. In den kommenden fünf bis zehn Jahren sei keine Trendwende bei der Auslastung der europäischen Werke zu erwarten. Langfristig sei mit einer ungenutzten Kapazität von rund 15 Millionen Reifen zu rechnen, wenn nicht jetzt gehandelt werde. Das Reifenwerk in Aachen sei mit einem Produktionsvolumen von acht Millionen Pkw-Reifen pro Jahr "das kleinste und zudem der kostenintensivste Standort im gesamten europäischen Produktionsnetzwerk des Unternehmens", heißt es in der Mitteilung.

Gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern würden nun "möglichst sozialverträgliche Lösungen für die betroffenen Mitarbeiter in Aachen" erarbeitet. Sondierungsgespräche mit der Landesregierung Nordrhein-Westfalen und der Stadt Aachen seien aufgenommen worden. Ziel sei die Entwicklung tragfähiger Konzepte für die Nachnutzung des Standorts.

Der Fraktionschef der SPD im NRW-Landtag, Thomas Kutschaty, warf Continental vor, "ein Bild von einem entfesselten Kapitalismus" zu zeichnen. Der Beschluss zur Schließung des Werks sei "an Rücksichtslosigkeit und Verantwortungslosigkeit nicht zu überbieten". Die NRW-Landesregierung müsse sich fragen lassen, "warum sie nicht schon viel frühzeitiger Versuche unternommen hat, auf die Schließungspläne einzuwirken".

Conti steht wegen des Strukturwandels und der Corona-Krise unter Druck. Die Werksschließungen sind zudem Teil eines schon im vergangenen Jahr angekündigten und nun verschärften Sparkurses beim zweitgrößten Autozulieferer der Welt. Insgesamt will Conti weltweit 30 000 Stellen "verändern", davon 13 000 in Deutschland. Von 2023 an soll der Umbau jährlich mehr als eine Milliarde Euro einsparen.

Arbeitnehmervertreter kritisierten den Beschluss des Aufsichtsrats am Mittwoch. Der Vorsitzende der Gewerkschaft IG BCE, Michael Vassiliadis, sprach von einem "Kahlschlag-Konzept" des Unternehmens: "Continental hat die gesamte Mannschaft vor den Kopf gestoßen, die eigene Unternehmenskultur beschädigt und die betriebliche Mitbestimmung mit Füßen getreten."

Christiane Benner, zweite Vorsitzende der IG Metall und Vize-Aufsichtsratschefin bei Continental, kritisierte, Conti werde seiner gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht. Es gehe nun weiter darum, "Alternativen zu Schließungen und dem Abbau von 13 000 Industriearbeitsplätzen" zu prüfen. Zuvor hatte sich auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) irritiert gezeigt über das Ausmaß der Sparmaßnahmen.

Der Conti-Chef betonte, dass die 30 000 vom Sparprogramm betroffenen Stellen nicht automatisch 30 000 Kündigungen bedeuteten. Entlassungen seien "für uns immer das allerletzte Mittel", sagte er.

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