Nordrhein-Westfalen"Hambi" soll Urwald werden

Aus Protestwald wird Urwald: Der umkämpfte Hambacher Forst soll unter Naturschutz gestellt werden. Die Beteiligten haben sich jetzt auf Eckpunkte geeinigt.
Düsseldorf (dpa/lnw) - Der Hambacher Forst, Symbol des Widerstands gegen die Braunkohle-Verstromung, soll Urwald werden. Dafür werde er dauerhaft unter Schutz gestellt, teilte das NRW-Umweltministerium mit. Landesregierung, Kommunen, Naturschutz und Landwirtschaft hätten sich mit dem Eigentümer, dem Energiekonzern RWE, auf entsprechende Eckpunkte geeinigt und diese in einer gemeinsamen Erklärung festgehalten.
Der Wald zwischen Köln und Aachen wird demnach spätestens 2035 in öffentliches Eigentum überführt und als sogenanntes Wildnisentwicklungsgebiet ausgewiesen. Dafür werde er unter Naturschutz gestellt. RWE werde ihn aber schon vorher nicht mehr forstwirtschaftlich nutzen.
Ein Wildnisgebiet ist ein Schutzgebiet, in dem sich die Natur ohne menschliche Eingriffe frei entwickeln kann. In solchen Gebieten findet keine forstwirtschaftliche Nutzung statt. Der Wald wird sich selbst überlassen und kann so zu einem Urwald heranwachsen.
Urwald am See
Zudem seien zwei Waldverbundkorridore geplant: Der Hambacher Wald werde mit der Steinheide und dem Merzenicher Erbwald verbunden, um Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu vernetzen. Damit wird zugleich eine Vereinbarung aus dem Koalitionsvertrag der schwarz-grünen Landesregierung umgesetzt.
RWE habe zugesagt, den Hambacher Wald in die öffentliche Hand zu übertragen. Der Abschluss des Tagebaus, die Rekultivierung und die geplante Befüllung des Tagebaus mit Wasser zum See könnten unabhängig von den Naturschutzmaßnahmen fortgeführt werden. Bis Ende 2026 sollen die Eckpunkte konkretisiert und in einem verbindlichen, öffentlich-rechtlichen Vertrag fixiert werden.
Bundesweites Symbol
"Das ist ein historischer Tag, der ein neues Kapitel für den Hambacher Wald aufschlägt", so NRW-Umweltminister Oliver Krischer (Grüne). "Der Hambacher Wald, einer der bekanntesten Wälder Deutschlands, wird unter Schutz gestellt und damit dauerhaft für die Menschen in Nordrhein-Westfalen gesichert", ergänzte NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (CDU).
Der Hambacher Forst war unter dem Motto "Hambi bleibt" zum bundesweiten Symbol für den Kampf um die Energiewende geworden. Umweltschützer und Aktivisten hatten seit 2012 Baumhäuser errichtet, um die Rodung des Waldes für die klimaschädliche Braunkohle-Verstromung zu verhindern und ihn vor dem anrückenden Braunkohletagebau zu schützen.
Umkämpftes Gebiet
In einem der größten Polizeieinsätze der Geschichte Nordrhein-Westfalens wurden die Baumhäuser 2018 mit Verweis auf den Brandschutz geräumt. Kurz nach der Räumung im Herbst 2018 verfügte das Oberverwaltungsgericht Münster einen vorläufigen Rodungsstopp.
Die endgültige Rettung des Waldes kam durch die politische Einigung: Im Kohle-Kompromiss zwischen Bund, Ländern und Energiekonzernen wurde Anfang 2020 entschieden, dass der Hambacher Forst erhalten bleiben soll. Die Abbruchkante des Tagebaus endet seitdem kurz vor dem Waldsaum.
"Mit der heute unterzeichneten gemeinsamen Erklärung besteht die Chance, die ökologische Wiederbelebung der durch die Tagebaue geschundenen Region einen wichtigen Schritt voranzubringen", sagte Holger Sticht, Landesvorsitzender des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND). Damit könne ein wichtiger Beitrag zur endgültigen Befriedung der Region geleistet werden.