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Nordrhein-Westfalen Kliniken wappnen sich für steigende Zahl an Corona-Patienten

Medizinischer Mundschutz liegt auf einem Tisch. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa/Archivbild

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa/Archivbild)

In Teilen der Gesellschaft macht sich Sorglosigkeit breit im Umgang mit dem Coronavirus. Die Zahl der Neuinfektionen zieht spürbar an - auch in NRW. Die Krankenhäuser treffen Vorkehrungen für einen wieder ansteigenden Behandlungsbedarf.

Düsseldorf (dpa/lnw) - Angesichts steigender Neuinfektionszahlen rüsten sich die Krankenhäuser in Nordrein-Westfalen dafür, wieder mehr Corona-Patienten behandeln zu müssen. Das berichtete der Präsident der Krankenhausgesellschaft NRW, Jochen Brink, der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf. "Erste Anzeichen deuten darauf hin." Im Ruhrgebiet etwa, wo das Robert Koch-Institut (RKI) stark steigende Zahlen vermeldet habe, hätten inzwischen wieder viele Krankenhäuser Besuchsverbote aussprechen und planbare Operationen verschieben müssen.

Das RKI hat in den vergangenen Tagen kontinuierlich hohe Neuinfektionsstände aus den Gesundheitsämtern in Deutschland vermeldet. Auch NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) warnte: "Das Coronavirus ist immer noch da. Wir müssen weiterhin wachsam sein."

Falls der Trend zu einer "zweiten Welle" auswächst, sieht die Krankenhausgesellschaft aber Anlass für Zuversicht im Abwehrkampf. "Grundsätzlich sind die nordrhein-westfälischen Krankenhäuser besser vorbereitet als noch vor und während der ersten Hochphase der Pandemie", sagte Brink.

Die intensivmedizinischen Kapazitäten seien ausgebaut worden und "nun jederzeit verfügbar". Es gebe inzwischen auch genügend Schutzausrüstungen für das Klinikpersonal, das zudem über mehr praktische Erfahrungen für die Corona-Behandlung verfüge.

"Ein Beispiel: Wir wissen nun, dass wir in Teams von Ärztinnen und Ärzten verschiedener Fachgebiete zusammenarbeiten müssen und die Behandlung nicht nur Lungenfachärztinnen und -ärzte betrifft", erklärte der Verbandspräsident. Interdisziplinäre Behandlungen - und die räumlichen Voraussetzungen dafür - müssten aber weiter ausgebaut werden.

Teilweise seien medizinische Versorgungsmöglichkeiten außerhalb der Krankenhäuser eingerichtet worden, um die Patienten zu schützen, berichtete Brink. An der Universitätsklinik Düsseldorf etwa soll innerhalb weniger Wochen ein dreigeschossiger Modul-Neubau zur Behandlung von Corona-Patienten entstehen.

Das RKI hatte die Bürger in der vergangenen Woche dringend dazu ermahnt, bei den Hygienemaßnahmen nicht nachzulassen. In vielen Bundesländern sei schon seit der vorletzten Woche ein Zuwachs bei den Neuinfektionsraten zu beobachten - besonders stark aber in NRW und in Bayern.

Bei der wichtigen Kennziffer der Neuinfektionen, berechnet über sieben Tage auf jeweils 100 000 Einwohner, lag NRW Ende Juli mit 9,1 so deutlich wie kein anderes Bundesland über dem Bundesdurchschnitt von 5,0. Als Grenzwert für regionale Einschränkungen des öffentlichen Lebens gilt 50.

Von dieser Marke sind derzeit alle Kommunen in NRW weit entfernt. Zum Höhepunkt des Corona-Ausbruchs beim Fleischkonzern Tönnies war die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz auf über 270 hochgeschnellt und hatte zu empfindlichen Auflagen für den Schlachthof, aber auch für die Bürger geführt.

Insgesamt sind in NRW seit Beginn der Corona-Meldungen bis Ende Juli rund 49 000 Infizierte erfasst worden. Die weitaus meisten gelten als genesen; mehr als 1700 Menschen mit Coronavirus starben in NRW. Bundesweit lag die Gesamtzahl der gemeldeten Infizierten zum Monatsende laut RKI bei rund 209 000, die der Toten bei über 9000.

Im 24-Stunden-Abstand war die Zahl der Neuinfektionen in NRW in der letzten Juliwoche stetig angestiegen. Mit Stand 31. Juli vermeldete das RKI schon ein Plus von 388 im Vergleich zum Vortag - gut dreimal mehr als in Bayern. Zum Vergleich: Anfang Juni hatte der Zuwachs innerhalb eines Tages in NRW dagegen nur bei rund 50 gelegen, bevor Mitte Juni die Infektionswelle bei Tönnies folgte.

Zu den Regionen mit einer relativ hohen Sieben-Tage-Inzidenz zwischen 10 und 20 zählt das Ruhrgebiet - allerdings noch getoppt von Solingen. Hier pendelte der Wert in den vergangenen Tagen sogar zwischen 20 und 30. Bundesweit sei in den vergangenen Wochen der Anteil der Kommunen, die gar keine Covid-19-Fälle mehr zu übermitteln hätten, zurückgegangen, stellt das RKI fest. "Dieser Trend ist beunruhigend." Das Institut schätze "die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland derzeit weiterhin insgesamt als hoch ein, für Risikogruppen als sehr hoch."

Noch gibt es keinen Impfstoff, der die Lage in den Krankenhäusern kurzfristig entspannen könnte. "Grundsätzlich gilt, dass keiner unserer Patienten einfach so in eine Klinikstudie einbezogen werden kann", erklärte Brink. Die gesetzlichen Vorgaben seien streng, um das Risiko einzugrenzen.

Die Zahl der Covid-19-Patienten, die auf einer Intensivstation beatmet werden mussten, ist in NRW nach Angaben der Landesregierung von fast 580 Mitte April auf weniger als 40 Ende Juli geschrumpft. Insgesamt hat NRW inzwischen über 5700 Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit. Von denen werden aktuell aber gut 4000 gebraucht - weit überwiegend nicht für Covid-19-Patienten (rund 40).

Im Ernstfall könnten aber die notwendigen Ressourcen schnellstmöglich gebündelt werden, versicherte Brink. "Die Krisenstäbe in den Kliniken können umgehend reaktiviert werden." Ende April hatte das NRW-Gesundheitsministerium einen Stufenplan empfohlen, wie Intensivkapazitäten zügig mobilisiert werden können, ohne zu viele Betten monatelang nur für Covid-19-Patienten frei zu halten.

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