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Rheinland-Pfalz & Saarland Evangelische Kirchen wollen wieder "Vertrauensraum" werden

Ein Kirchenkreuz.

(Foto: picture alliance / Swen Pförtne)

Die evangelische Kirche ist erst nach der katholischen vom Thema Missbrauch eingeholt worden. Hunderte Fälle sind ans Licht gekommen, die Dunkelziffer wird als hoch eingeschätzt, die Aufarbeitung läuft. Ein wichtiger Schritt - auch für die Betroffenen - steht nun bald an.

Karlsruhe/Speyer (dpa/lrs) - Die Vorbereitungen für eine Missbrauchs-Kommission der evangelischen Landeskirchen in Baden, Württemberg, der Pfalz und Bayern sind auf der Zielgeraden. Der Entwurf einer Vereinbarung der vier Südkirchen liege vor und werde bis zum Sommer mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und dann mit der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung abgestimmt, teilte eine Sprecherin der badischen Landeskirche in Karlsruhe mit. Die Pfälzer Oberkirchenrätin Bettina Wilhelm sagte: "Menschen wurde im Raum Kirche Schlimmes angetan, damit haben wir Schuld auf uns geladen." Kirche müsse wieder ein verlässlicher Schutz- und Vertrauensraum für Kinder, Jugendliche und alle anderen Menschen werden.

Die Karlsruher Sprecherin betonte, ein wesentliches Ziel sei, Betroffene in die Arbeit der Kommission einzubinden. "Personen aus dem Kreis der Betroffenen werden gleichberechtigte Mitglieder der Kommission sein", hieß es. Um eine unabhängige Aufarbeitung zu gewährleisten, solle eine kirchlich unabhängige, gesellschaftlich bekannte und anerkannte Person den Vorsitz der Aufarbeitungskommission übernehmen. Die Landesregierungen sollen diese und weitere Experten benennen.

"Das Gelingen der Aufarbeitung hängt entscheidend davon ab, dass die Arbeit der Kommission die Bedürfnisse und Situation von Betroffenen berücksichtigt und auf Augenhöhe einbezieht und unabhängig benannte Mitglieder mit kirchenleitenden Personen zusammenarbeiten", sagte die badische Landesbischöfin Heike Springhart. Im Laufe des Jahres sollten konkrete Schritte folgen.

Die regionale Aufarbeitungskommission Süd (Bayern, Baden, Pfalz, Württemberg) soll nach Worten Wilhelms die landeskirchlichen Unabhängigen Kommissionen/ Anerkennungskommissionen ergänzen. So könnten Strukturen entdeckt werden, die sexualisierte Gewalt ermöglichen oder erleichtern sowie deren Aufdeckung erschweren. Auch der Umgang mit Opfern und Tätern soll in den Blick genommen werden.

Die Unabhängige Kommission der Evangelischen Kirche der Pfalz hat bisher neun Fälle beraten mit jeweils einem Täter und einem Opfer. Unter den Tätern waren ein Pfarrer, sieben pädagogische Mitarbeiter - darunter ein ehrenamtlicher, sowie ein Verwaltungsbeschäftigter. Alle Betroffenen zusammen erhielten 72.000 Euro, wobei individuell etwa nach Schwere der Tat und ihren Folgen abgestuft wurde.

In der badischen Landeskirche und der Diakonie wurden für den Zeitraum 1954 bis 2010 aus Personal- und Disziplinarakten 27 Täter ermittelt. Trotz der Aufforderung und Ermutigung, sexualisierte Gewalt zu melden, schwiegen viele Betroffene - aus unterschiedlichen Beweggründen. "Die Dunkelziffer der Fälle sexualisierter Gewalt in Landeskirche und Diakonie dürfte daher die Zahl der heute bekannten 92 Fälle deutlich übersteigen", teilte die Sprecherin weiter mit.

Bislang hätten 56 Betroffene, die sexualisierte Gewalt in kirchlichen und diakonischen Einrichtungen in Baden erfahren haben, Unterstützung im Umfang von 275.000 Euro erhalten. Hinzu kämen weitere Hilfsangebote. Gespräche mit Betroffenen liefen nach wie vor.

Die evangelische Landeskirche in Württemberg hat nach Angaben eines Sprechers in bisher 174 Fällen Betroffenen von sexualisierter Gewalt sogenannte Anerkennungsleistungen in Höhe von 2,6 Millionen Euro zugesprochen. 154 Fälle kamen demnach aus dem Bereich Diakonie, 20 aus dem Bereich Landeskirche. Darin seien elf Pfarrer involviert.

Seit 2010 sind nach Worten eines Sprechers der Landeskirche Württemberg rund 190 Meldungen zu Grenzüberschreitungen, Vorfällen und Beratungsanfragen zu fachlichem Fehlverhalten aus Bereichen wie Kindergärten, Freizeiten, Konfirmandengruppen und Ehrenamt eingegangen. Er versicherte: "Alle diese Meldungen wurden bearbeitet, selbst wenn die Fälle strafrechtlich verjährt waren."

Präventionsmaßnahmen, verbindliche Standards im Dienst- und Arbeitsrecht wie ein Abstinenz- und Abstandsgebot und Meldepflicht bei hinreichendem Verdacht, strukturierte Handlungs- und Notfallpläne sowie Schulungen sollen den Umgang mit dem Thema verbessern beziehungsweise weitere Fälle möglichst verhindern.

Am Samstag soll die Beauftragte für Chancengleichheit im Evangelischen Oberkirchenrat, Ursula Kress, bei der Sitzung der Württembergischen Landessynode ihren jährlichen Bericht vorstellen. Ein Schwerpunkt: "Missbrauch und sexualisierter Gewalt."

Die katholische Kirche ist bei dem Thema schon etwas weiter, weil der Missbrauchsskandal hier früher ans Licht kam. Die bisher bekannten Zahlen lassen auch auf eine größere Dimension schließen. In Rottenburg-Stuttgart hat Bischof Gebhard Fürst im Unterschied zu anderen Diözesen schon vor rund 20 Jahren die Kommission sexueller Missbrauch berufen. Die Erzdiözese Freiburg hatte zuletzt mitgeteilt, dass ein lange erwartetes Gutachten zu Fällen sexuellen Missbrauchs voraussichtlich am 25. Oktober öffentlich vorgestellt wird.

Nicht zuletzt wegen der Missbrauchsfälle und der teils schleppenden Aufarbeitung verlieren die christlichen Kirchen zusehends Mitglieder.

Quelle: dpa

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